Geschichte

Ein Schmuckkästchen für die Physik

Das „Observatorium“ der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR), eine Pionierleistung der Wissenschaftsarchitektur, war Vorbild für moderne Forschungsbauten.

  • Dieter Hoffmann und Hans Koch
  • 11 / 2012 Seite: 49

Als die Physikalisch-Technische Reichsanstalt vor 125 Jahren am 1. Oktober 1887 ihre Tätigkeit aufnahm, geschah dies zunächst in angemieteten Räumen. Da der vorgesehene Forschungscampus „auf den Wiesen vor Charlottenburg“ erst noch zu erschließen war, musste die PTR fast ein Jahrzehnt Gastrecht genießen: Die Physikalische Abteilung nutzte zunächst Räumlichkeiten im Privatlaboratorium des Schweizer Physikers Johannes Pernet in Berlin-Tiergarten, bevor sie im April 1888 Labors im Untergeschoss des nordwestlichen Flügels der Technischen Hochschule Charlottenburg bezog; dort war bereits die Technische Abteilung der Anstalt untergebracht. Ende 1891 konnte die Physikalische Abteilung schließlich ihr neu erbautes Hauptgebäude, das „Observatorium“, auf dem Gelände in Charlottenburg beziehen.

Das Observatorium war nicht nur das erste Gebäude des zu errichtenden Forschungscampus, dessen Vollendung sich bis 1896 hinziehen sollte, sondern auch dessen Herzstück und ein „Schmuckkästchen“. Die Bezeichnung „Observatorium“ mag daher rühren, dass Hermann von Helmholtz, der erste Präsident der PTR, in einer von ihm und Werner von Siemens verfassten Denkschrift von der „Errichtung eines, den Sternwarten ähnlich organisierten, physikalischen Observatoriums“ spricht und dabei wohl das Observatoire de Paris vor Augen hatte, den Ursprungsort der Metrologie. Dort wurde der Null-Meridian vermessen und nach der Französischen Revolution daraus die Längeneinheit Meter abgeleitet. Allerdings wurden im 19. Jahrhundert nicht nur astronomische Institute als Observatorien bezeichnet, sondern auch andere Einrichtungen, die Experimente „observierten“ .
Das Observatorium ragte unter den PTR-Gebäuden heraus. Die insgesamt sieben Gebäude auf dem etwa 3,5 Hektar großen Gelände, inklusive einer repräsentativen Villa für den Präsidenten, waren dem Observatorium untergeordnet, sowohl hinsichtlich ihrer architektonischen Gestaltung als auch bezüglich der Lage. So waren sie so weit entfernt, dass messtechnische Störungen mechanischer oder elektromagnetischer Art und selbst der Schattenwurf minimiert wurden. Das Observatorium war auch in der Mitte des Geländes, das als Landschaftsgarten gestaltet wurde, platziert, wodurch sich Störungen durch den Straßenverkehr weit­gehend separieren ließen.
Planer der PTR und damit auch des Observatoriums war zunächst der Architekt Paul Spieker, unter dessen Leitung bereits das Physikalische Institut der Friedrich-Wilhelms Universität am Reichstagsufer und das Astrophysikalische Observatorium auf dem Potsdamer Telegrafenberg entstanden waren. Die eigentliche Bausausführung leitete Theodor Astfalck, ein Kollege Spiekers aus der Bauabteilung des Reichsministeriums des Innern. Astfalck hatte sich zuvor durch Besuche verschiedener Laboratorien in Dresden, München, Paris, Wien und Straßburg über „wesentliche Fortschritte in der Errichtung wissenschaftlicher Laboratorien, namentlich im Gebiet der Elektrotechnik“ informiert. Die Baugeschichte der Reichsanstalt war somit Teil der „institutionellem Revolution der deutschen Physik“ im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dabei wurden im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts praktisch an allen deutschen Universitätsstandorten neue und moderne Physikinstitute errichtet, die nicht nur für die physikalische Forschung einen gewaltigen Modernisierungsschub bedeuteten, sondern auch den spezifischen Bedingungen des Laborbetriebs und der physikalischen Erkenntnisgewinnung Rechnung trugen. Sie stehen damit am Beginn funktionaler Wissenschaftsarchitektur. Unter diesen Neubauten ragen das 1878 in Betrieb genommene und für Helmholtz gebaute Physikinstitut am Berliner Reichstagsufer sowie das 1882 eröffnete Physikalische Institut der neuen Reichsuniversität Straßburg heraus. Beide waren gleichermaßen wissen­schaftliche wie politische Prestigebauten und ersteres wurden von Zeitgenossen keineswegs zufällig als „Palast der Physik“ bezeichnet. Darüber hinaus waren sie auch in wissenschaftlicher Hinsicht als Modellinstitute konzipiert und hatten für damalige Verhältnisse gewaltige Baukosten verschlungen – im Falle des Berliner Institut mehr als 1,5 Millionen Reichsmark; beim Straßburger Institut immer noch fast 600 000 Reichsmark. ...

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