Überblick

Dynamik der Migräne

Modelle aus der Physik tragen dazu bei, bislang unverstandene Phänomene der Migräne zu erklären.

  • Markus A. Dahlem
  • 10 / 2012 Seite: 39

„Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat.“ Mit diesen Worten umschreibt Erich Kästner in „Pünktchen und Anton“ das gängige Vorurteil, Migräne sei nur eingebildet. De facto leiden über sechs Millionen Deutsche unter dieser Krankheit, die jährlich volkswirtschaftliche Kosten von über vier Milliarden Euro verursacht. Heute wissen wir, dass Migräne mit einer zeitweisen Unterdrückung der Nervenaktivität einhergeht, die sich wellenartig ausbreitet. Physikalische Modelle zur Elektrophysiologie und Musterbildung helfen, diese Vorgänge zu verstehen und Therapieansätze zu entwickeln.

Bei der Migräne treten fast immer Kopfschmerzen, aber auch vielfältige andere Symptome auf. Die komplexe Ursache dieser Volkskrankheit, von der je nach Diagnostik bis zu 20 Unterformen bekannt sind, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Eine Migräne­attacke verläuft in bis zu vier Phasen: Einer etwa eintägigen Vorlaufphase folgt in einem Drittel der Fälle die Auraphase, die mit Fehlleistungen der Sinneswahrnehmung, häufig Sehstörungen, einhergeht. Diese Symptome dauern meist zwischen fünf und sechzig Minuten, sie können aber auch unbemerkt bleiben, wenn das Gehirn den Ausfall geschickt kompensiert oder sie nur sehr kurz anhalten. Danach setzt ein meist pochender Kopfschmerz ein, der 4 bis 72 Stunden andauert und sich bei körperlicher Anstrengung ver­stärkt. Eine eintägige Nachlaufphase beendet die Attacke. Das ist der Regelfall, die Phasen können aber auch isoliert auftreten, die Kopfschmerzphase kann fehlen, und Komplikationen, wie eine über eine Woche persis­tierende Migräneaura, existieren ebenfalls.
Bei den am besten beschriebenen visuellen Auren sehen Betroffene etwas, was nicht in ihrem Gesichtsfeld vorhanden ist, ein halluzinatives Muster, oft ähnlich wie bei Drogenmissbrauch. Im Gegensatz zu solch einem positiven neurologischen Symptom haben Betroffene bei einem negativen neurologischen Symptom einen blinden Fleck, das heißt, sie sehen etwas nicht, was in ihrem Gesichtsfeld liegt. Diese Reiz- und Ausfallerscheinungen verlaufen progressiv, sie beginnen oft klein im Zentrum, kaum merklich in den ersten Minuten, und laufen dann etwa 20 bis 40 Minuten durch Bereiche des Gesichtsfelds nach außen in die Peripherie, wobei sie anwachsen. Typisch ist zuerst eine Reizerscheinung in Form eines charakteristischen Zickzack-Musters, gefolgt von einer Ausfallerscheinung.
Neben den Sehstörungen treten somatosensorische Auren auf, bei denen Betroffene z. B. ein Kribbeln spüren, das entlang ihres Arms wandert, gefolgt von einem Taubheitsgefühl. Störungen der Sprache oder anderer Sinne kommen ebenfalls vor. Die US-Fernsehreporterin Serene Branson zum Beispiel verfiel letztes Jahr während einer Live-Übertragung in ein völlig unverständliches Kauderwelsch – es ist fraglich, ob dieser Migräne­anfall unter anderen Umständen überhaupt diagnostiziert worden wäre. ...

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