Keplers Traum

  • 07. April 2017

Johannes Kepler war nicht nur ein berühmter Astronom, sondern mit einer Science-Fiction-Erzählung schrieb er auch Literaturgeschichte.

In seiner kurzen, märchenhaften Geschichte Somnium lässt Kepler einen Erzähler berichten, wie er bei der Lektüre böhmischer Literatur in Schlaf fällt und im Traum auf der Frankfurter Buchmesse ein Buch liest. Darin berichtet ein junger Astronom bei Tycho Brahe davon, wie ihm und seiner Mutter ein Daemon ex Levania von einer Reise zum Mond erzählt. Natürlich war sich Kepler bewusst, dass es ungeheurer Kräfte bedarf, um dorthin zu gelangen und dass das Leben auf dem Mond nicht einfach sein würde: Er dachte sich phantasievoll Hilfen gegen die „ungeheure Kälte und Atemnot“ aus und skizzierte ein Leben der Mondbewohner und vor allem, was sie am Sternenhimmel beobachten können, zum Beispiel eine in sich drehende Erde, die sie Volva nannten.


Abb. Faksimile der Titelseite von Somnium aus dem Jahr 1634 (Foto: Jesus College, Oxford).

Die komplizierte mehrfache Rahmung mit Traum und Buch war wohl auch ein literarischer Trick zum Schutz, war doch das Eintreten für das heliozentrische Weltsystem noch unter Strafe verboten und die Verfolgung vermeintlicher Hexen und Dämonen noch nicht beendet. So veröffentlichte Kepler seine Erzählung auch nicht, verbreitet hat sie sich dennoch. Postum wurde sie 1634 von seinem Sohn Ludwig in Druck gegeben. Gefährlich war diese fiktionale Erzählung über die Reise zum Mond dennoch: 1615 wurde seine Mutter Katharina in Leonberg wegen eines Nachbarstreits eingekerkert und später als Hexe angeklagt, wobei die Anklage wohl auch auf den Dämon in Keplers Somnium Bezug nahm.

Zwar gab es bereits bei Plutarch eine Reise der Seelen zum Mond, aber Kepler nimmt das neue naturwissenschaftliche Weltbild auf, in dem der Mond ein Himmelskörper wie die Erde ist, dessen Umweltbedingungen studierbar und der auch bewohnbar sein könnte. Das spornte die Fabulierlust nachfolgender vieler Schriftsteller an. So wurde bei Cyrano de Bergerac (1655), Jules Verne (1865) und H. G. Wells (1901) die fiktionale Reise zum Mond technisch detailreicher - bevor sie 1969 durch die Apollo-11-Mission real wurde. Auf diese wissenschaftliche Erforschung des Mondes antwortet letztlich Durs Grünbein mit einer poetischen Selenographie.

Während Cyrano de Bergerac einen Rückblick vom Mond auch vollzog, um in einer Sozialutopie gesellschaftliche Verhältnisse auf der Erde zu kritisieren, ging es Kepler um einen Perspektivwechsel, der durch eine fiktive Mond-Astronomie begründet, dass die scheinbar ruhende Erde vom Mond aus betrachtet durchaus als bewegt erscheinen kann. Das Wesentliche seines Traumes sind daher die mehr als zweihundert Kommentare, die Kepler in jahrelanger Arbeit als Fußnoten einflocht und beispielsweise die mit dem Abstand abnehmende, anziehende Gravitationskraft erläuterte, die für die Reise überwunden werden muss. Wie bei einer Camera Obscura, die für ihn ein zentrales wissenschaftliches Messinstrument war, stellt er durch diese Einspiegelungen das geozentrische Weltbild auf den Kopf.

So verknüpft er die Tradition antiker Traumerzählungen mit modernen naturwissenschaftlichen Schreibweisen. Ein geniales literarisches Verfahren, um durch Fiktion Fakten zu begründen.

Klaus Mecke, Uni Nürnberg-Erlangen

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe von Physik in unserer Zeit erschienen. Er eröffnet die neue Reihe "Literatur & Physik".

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