Laterne, Laterne …

  • 11. November 2014

Citizen Science: Forschungsprojekt „Verlust der Nacht“ mit neuer Version ihrer kostenlosen Smartphone-App, die jeden zum Lichtforscher macht.

Screenshot der neuen „Verlust der Nacht“-App. (Bild: IGB)

Abb.: Screenshot der neuen „Verlust der Nacht“-App. (Bild: IGB)

Am Martinstag erstreckt sich auf vielen Straßen und Plätzen ein wahres Lichtermeer. Zahlreiche Kinder ziehen dann stolz mit ihren Laternen durch Dörfer und Städte. Sonne und Mond kennen wohl die meisten von ihnen – doch Sterne sind heute an vielen Orten kaum mehr zu erkennen. Die künstliche Beleuchtung erhellt unseren Nachthimmel so stark, dass sie immer mehr verblassen. Wie sehr die Lichtverschmutzung den Himmel weltweit beleuchtet, möchten Forscher im Projekt „Verlust der Nacht“ herausfinden. Sie haben sie eine kostenlose Smartphone-App entwickelt, mit der jeder Interessierte zum Lichtforscher werden kann.

Ein Drittel aller Deutschen hat noch nie die Milchstraße gesehen. Der Grund dafür ist einfach: Kann man in einer dunklen Nacht bis zu viertausend Sterne zählen, so sind es in einer hellen Stadt gerade mal eine Hand voll. Tausende Sterne am Firmament zu betrachten, ist ein Erlebnis, dass viele Kinder und Erwachsene kaum noch kennen. – Vor allem den Stadtmenschen wird der Sternenhimmel zunehmend fremd. „Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen“, befürchtet Dr. Franz Hölker, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zu den Folgen der Lichtverschmutzung forscht. In den letzten Jahrzenten hat ein etwa sechsprozentiger Zuwachs an künstlicher Beleuchtung pro Jahr den Nachthimmel weltweit heller werden und immer mehr Sterne verblassen lassen. Neue Lichtkonzepte und Technologien wie zum Beispiel LEDs könnten unsere Nächte wieder dunkler, oder auch noch heller machen. „Das hängt ganz davon ab, wie sie implementiert werden“, sagt Hölker.

Der Blick zu den Sternen lohnt sich trotzdem – und dient ganz nebenbei der Wissenschaft. Forscher des Projekts „Verlust der Nacht“ entwickelten eine kostenlose Smartphone-App, die Groß und Klein zu Lichtforschern werden lässt. „Mithilfe von Referenzsternen ermitteln Bürgerwissenschaftler die Himmelshelligkeit an jedem beliebigen Ort der Erde“, erklärt Dr. Christopher Kyba vom IGB Berlin und vom GFZ Potsdam wie die App funktioniert. Astronomische Vorkenntnisse brauche man dafür nicht. „Wer mitmacht, lernt dabei den Sternenhimmel kennen und bekommt ein Gefühl dafür, wie viele Sterne er an einem dunkleren Ort noch sehen könnte“, verspricht Kyba.

Gestern veröffentlichten die Wissenschaftler eine weiterentwickelte Version der App, die nun für iOS-Geräte sowie in vier zusätzlichen Sprachen verfügbar ist. Kyba und sein Team griffen zudem Anregungen von Mitstreitern auf. So werden die Messungen jetzt direkt geprüft und der Nutzer erfährt, wie viele Sterne über ihm am Himmel stehen und wie gut seine Beobachtungen waren. Ein zusätzlicher Clou: Kurz nach der Messung sind die Daten auf der Weltkarte von Globe at Night sichtbar.

Im Zuge der Weiterentwicklung der App berücksichtigten Christopher Kyba und sein Team auch Anregungen und Verbesserungsvorschläge von Bürgerwissenschaftlern. (Bild: A. Freyhoff)

Abb.: Im Zuge der Weiterentwicklung der App berücksichtigten Christopher Kyba und sein Team auch Anregungen und Verbesserungsvorschläge von Bürgerwissenschaftlern. (Bild: A. Freyhoff)

Dank der vielen Bürgerwissenschaftler können die Forscher sehen, wie sich der Himmel angesichts sich wandelnder Beleuchtungstechnologien und wachsender Städte verändert. „Die App ist für uns die einzige Möglichkeit, solche Entwicklungen weltweit zu beobachten und besser zu verstehen“, sagt Biologe Franz Hölker. Bislang wurde die nächtliche Helligkeit hauptsächlich mit Hilfe von Satelliten ermittelt. Diese messen aber nur das nach oben abgestrahlte Licht, nicht die Helligkeit, die am Boden von Menschen und anderen Organsimen erlebt wird. „Man könnte dies theoretisch zwar auch mit Modellen erreichen, doch um diese zu testen, sind Vergleichsdaten nötig – und genau solche liefert die App“, erklärt er. Die heutige Satellitentechnologie sei nicht darauf ausgelegt, Lichtemissionen zu verstehen. „So liegt ein großer Teil des Lichts von LED-Straßenlampen beispielweise in einem Spektralbereich, den die meisten Satelliten gar nicht messen.“ LED-beleuchtete Gebiete würden dadurch dunkler erscheinen, als sie wirklich sind.

Mittlerweile kann die App in insgesamt 15 Sprachen kostenlos heruntergeladen werden. „Gerade die Zeit zwischen dem 11. und 24. November eignet sich hervorragend für Messungen“, gibt Kyba Interessierten als Rat mit auf den Weg. Dann gibt es kaum Mondlicht, umso mehr Sterne seien sichtbar. Seit April 2013 wurde die Android-Version der App über 26.000-mal heruntergeladen. Von der Weiterentwicklung erhoffen sich die Wissenschaftler nun noch mehr begeisterte Sternengucker und somit eine größere Datenmenge.

FVB / OD

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