Von der Kronkolonie zur Atommacht

  • 03. November 2010

Physik Journal – Der Aufstieg der Physik in Indien im 19. und 20. Jahrhundert.

Indien ist heute eine Atommacht und Raumfahrtnation. 2008 sandte es den Satelliten Chandrayaan-1 mit eigener Rakete auf eine Mondmission. Bereits in vorkolonialer Zeit besaß Indien eine astronomische Forschung, doch es dauerte lange, bis es den Anschluss an die moderne Wissenschaft fand. Rajinder Singh und Falk Rieß von der Universität Oldenburg erzählen in der November-Ausgabe des Physik Journals, wie sich die moderne Physik in Indien aus bescheidenen Anfängen im 19. Jahrhundert entwickelte, angetrieben von herausragenden Forscherpersönlichkeiten wie Jagadish Chandra Bose (1858-1937), der sich Ende des 19. Jahrhunderts mit den Eigenschaften der elektromagnetischen Strahlung beschäftigte.

Gruppenbild mit Born und Raman

Abb.: Max Born (4. v. r.) zu Besuch in Indien. Chandrasekhara V. Raman (5. v. r.) hatte Born und Arnold Sommerfeld auch eine Professur in Indien angeboten.

J. C. Boses Schüler Satyendra Nath Bose (1894-1974), bekannt durch die Bose-Einstein-Statistik, und Meghnad Saha (1893-1956), der Urheber der Saha-Eggert-Ionisationsgleichung, gehörten zu einer neuen Generation von Forschern, die moderne Physik betreiben wollten. Ebenso wie Chandrasekhara Venkata Raman (1888-1970), der 1917 auf den Physik-Lehrstuhl des University College of Sciences in Kolkata berufen wurde. Raman besuchte 1921 zum ersten Mal England, um indische Universitäten beim Kongress der britischen Universitäten in Oxford zu vertreten. Es gelang ihm in der Folgezeit, ein enges Netz von wissenschaftlichen Kontakten mit Kollegen u. a. aus England, Schweden, Italien, Deutschland, USA und der Sowjetunion zu knüpfen. Zu diesem Kreis gehörten Niels Bohr, Ernest Rutherford, Robert Millikan, Arnold Sommerfeld, Max Born und Erwin Schrödinger. Raman erhielt 1930 als erster Inder den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Lichtstreuung und die Entdeckung des nach ihm benannten Effekts.

Die Institutionalisierung der indischen Forschung hatte schon früh im 20. Jahrhundert begonnen: 1909 richtete die Regierung mit der Unterstützung lokaler Eliten das Indian Institute of Sciences in Bangalore ein, zunächst nur für Chemie und Ingenieurwissenschaften. Raman, 1933 zum Direktor ernannt, erweiterte das Institut um eine Abteilung für Physik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg startete Indien ein eigenes Atomprogramm mit dem Ziel, Atomkraftwerke zur Stromerzeugung zu entwickeln. Das Programm wurde hauptsächlich von außeruniversitären Forschungsinstituten getragen, die auch einen Großteil der Mittel erhielten. Dies ging zu Lasten der Universitäten, die dafür mit einer verringerten Forschungsqualität bezahlten. Diese Entwicklung gerät seit einigen Jahren in die Kritik. Wenn weiterhin außeruniversitäre Institutionen einen Großteil der staatlichen Fördermittel erhalten, dann droht der physikalischen Forschung an den indischen Universitäten eine untergeordnete Rolle.

AH/AP (Physik Journal)

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