Schrödingers Cäsium

  • 22. January 2015

Messungen an Cäsiumatomen sprechen gegen makrorealistische Interpretation der Quantenmechanik.

Kann ein Elfmeterschuss ins Tor und gleichzeitig ins Aus gehen? Für sehr kleine Objekte scheint dies möglich zu sein: Sie können sich zur gleichen Zeit auf verschiedenen Bahnen bewegen. Das besagt zumindest die Theorie der Quantenmechanik. In der Welt der großen Dinge scheinen jedoch andere Regeln zu gelten: Der Fußball fliegt stets in eine definierte Richtung. Doch stimmt das überhaupt? Physiker der Universität Bonn haben nun einen Versuchsansatz publiziert, mit dem sich diese These vielleicht widerlegen lässt. In einem ersten Schritt konnten sie bereits beweisen, dass Cäsiumatome tatsächlich an verschiedenen Orten zugleich sein können.

Abb.: Die Messung der Cäsiumatome entspricht dem Gedankenexperiment von Schrödingers Katze. (Bild: A. Alberti / www.warrenphotographic.co.uk)

Abb.: Die Messung der Cäsiumatome entspricht dem Gedankenexperiment von Schrödingers Katze. (Bild: A. Alberti / www.warrenphotographic.co.uk)

Ein Quantenobjekt bewegt sich nicht auf einer fest definierten Bahn. Stattdessen folgt es allen möglichen Bahnen; es befindet sich also zugleich an verschiedenen Orten. Man spricht von einer Überlagerung unterschiedlicher Pfade. Auf atomarer Ebene scheinen sich die Dinge tatsächlich nach den Gesetzten der Quantenmechanik zu verhalten. Das zeigen inzwischen zahlreiche physikalische Experimente. Im Alltag machen wir dagegen ganz andere Erfahrungen: Der Fußball bewegt sich auf einer exakten Flugbahn; er landet nie gleichzeitig im Tor und im Aus.

„Es gibt dafür zwei unterschiedliche Erklärungsansätze“, erläutert Andrea Alberti vom Institut für Angewandte Physik der Universität Bonn. „Nach der Standardquantenmechanik sind Überlagerungszustände von beliebig großen Gegenständen prinzipiell möglich. Jedoch sind diese Zustände sehr fragil: Jeder Versuch, den Ort eines Quantenobjekts zu bestimmen, zerstört die Überlagerung.“ Anders gesagt: Allein dadurch, dass wir den Ball mit den Augen verfolgen, sorgen wir dafür, dass er sich für eine Flugbahn „entscheidet“.

Es könnte aber auch sein, dass Fußbälle generell anderen physikalischen Regeln gehorchen als etwa einzelne Atome. „Wir sprechen auch von einer makrorealistischen Weltanschauung“, erklärt Alberti. „Wenn diese These zutrifft, bewegt sich ein Ball – anders als etwa ein Atom – stets auf einer definierten Bahn, unabhängig davon, ob wir ihn beobachten oder nicht.“

Doch welche der beiden Antworten ist die richtige? Gelten für „große“ Dinge tatsächlich andere Gesetze als für kleine? Das Bonner Team hat in Kollaboration mit Clive Emary von der Universität Hull in England einen Ansatz vorgestellt, mit der sich diese Frage möglicherweise entscheiden lässt. „Wir haben dazu eine Methode entwickelt, mit der man die makrorealistische Theorie widerlegen kann“, erklärt Alberti.

Die Forscher beschreiben das Prinzip so: Sie ergriffen ein einzelnes Cäsium-Atom mit zwei „Pinzetten“ aus Licht und zogen es damit in entgegengesetzte Richtungen. In einer makrorealistischen Welt hätte sich das Atom danach an einem einzigen definierten Ort befunden. In der Quantenwelt hätte es dagegen einen Überlagerungszustand aus zwei verschiedenen örtlichen Positionen eingenommen.

„Wir haben eine indirekte Messmethode entwickelt, mit der wir die Position des Atoms so sanft wie möglich messen konnten“, sagt Doktorand Carsten Robens. Selbst diese indirekte Messung veränderte signifikant den Ausgang des Experiments. Diese Beobachtung stimmt sehr gut mit der Existenz von Überlagerungszuständen überein, die durch die Messung zerstört wurden. Die Forscher konnten damit ausschließen, dass Cäsiumatome der makrorealistischen Theorie folgen. Stattdessen befinden sie sich wohl tatsächlich an verschiedenen Orten gleichzeitig.

„Das ist natürlich noch kein Beweis, dass das auch für größere Objekte gilt“, betont Alberti. „Wir versuchen nun aber, das Cäsium-Atom über mehrere Millimeter auseinanderzuziehen. Sollten unter diesen Bedingungen immer noch Überlagerungszustände existieren, wäre das für die makrorealistische Theorie ein großer Rückschlag.“

U. Bonn / DE

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