Widerspenstiges Quasiteilchen nachgewiesen

  • 24. May 2012

Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen.

Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen können in solchen Gasen Vielteilchenzustände erzeugt und die Wechselwirkung zwischen den Teilchen gezielt manipuliert werden. Die Gruppe um Wittgenstein-Preisträger Rudolf Grimm und START-Preisträger Florian Schreck hat nun in einem Quantengas erstmals repulsive Polaronen erzeugt und genau studiert.

Abb.: Das Kaliumatom in der Mitte (blau) stößt die kleineren Lithiumatome (gelb) weg. Es entsteht ein komplexer Zustand, der physikalisch als Quasiteilchen beschrieben werden kann. Er verhält sich in verschiedener Hinsicht so wie ein neues Teilchen mit modifizierten Eigenschaften. (Bild: H. Ritsch)

Abb.: Das Kaliumatom in der Mitte (blau) stößt die kleineren Lithiumatome (gelb) weg. Es entsteht ein komplexer Zustand, der physikalisch als Quasiteilchen beschrieben werden kann. Er verhält sich in verschiedener Hinsicht so wie ein neues Teilchen mit modifizierten Eigenschaften. (Bild: H. Ritsch)


Um repulsive Polaronen im Labor herzustellen, erzeugen Rudolf Grimm und sein Team vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Experimentalphysik der Universität Innsbruck in einer Vakuumkammer ein ultrakaltes Quantengas aus Lithium- und Kaliumatomen. Mit Hilfe von elektromagnetischen Feldern wird die Wechselwirkung zwischen den Teilchen kontrolliert. Hochfrequenzpulse drängen die Kaliumatome dann in einen Zustand, in dem diese Teilchen die sie umgebenden Lithiumatome abstoßen. Dieser komplexe Zustand kann physikalisch als Quasiteilchen beschrieben werden, da er sich in verschiedener Hinsicht so wie ein neues Teilchen mit modifizierten Eigenschaften verhält. Nachgewiesen haben die Forscher die repulsiven Polaronen durch die Analyse des gesamten Energiespektrums der Partikel. „Wir konnten auf diese Weise sowohl anziehende als auch abstoßende Polaronen erzeugen und analysieren“, sagt Grimm. Während attraktive Polaronen schon ausführlich untersucht wurden, betraten der Quantenphysiker und sein Team mit den widerspenstigen Quasiteilchen wissenschaftliches Neuland.

In Festkörpern zerfallen solche Quasiteilchen sehr rasch und können nicht wirklich untersucht werden. Aber auch in Quantengasen bereiten die abstoßenden Eigenschaften Probleme. „Das Polaron kann nur in einem metastabilen Zustand existieren“, erklärt Rudolf Grimm, „und die Lebensdauer ist dafür entscheidend, ob man mit diesen Polaronen überhaupt etwas anfangen kann. Zu unserer Überraschung zeigen unsere Polaronen eine gegenüber früheren Experimenten in ähnlichen Systemen um das Zehnfache gesteigerte Lebensdauer. Unsere Versuchsanordnung bietet uns deshalb eine ideale Plattform, um die auf abstoßenden Wechselwirkungen basierenden Vielteilchenzustände eingehender zu analysieren.“ Als Nächstes wollen die Innsbrucker Forscher ergründen, ob sich in einem solchen Quantengasgemisch aus sich abstoßenden Teilchen einzelne Bereiche ausbilden, in denen sich nur Lithiumatome oder nur Kaliumatome sammeln. Dies wird durch theoretische Überlegungen nahegelegt, kann aber erst jetzt tatsächlich untersucht werden.

U. Innsbruck / PH

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