Kampf der Superhirne

  • 19. October 2004


Kampf der Superhirne

Annaberg-Buchholz/Leipzig (dpa) - Früher hat Ralf Laue während des Duschens Wurzeln gezogen. Ohne Taschenrechner, aber mit jeder Menge Köpfchen. Doch irgendwann wurde auch dies dem Mathematiker der Universität Leipzig zu langweilig. Dann begann er mit dem Kalender rechnen: Ein beliebiges Datum genügt, und Laue kennt binnen Sekunden den Wochentag - jeden einzelnen der vergangenen fünf Jahrhunderte. Am 30. Oktober organisiert der 36-Jährige die ersten Weltmeisterschaften im Kopfrechnen im erzgebirgischen Annaberg- Buchholz.

Rund 20 Superhirne aus allen fünf Kontinenten haben sich zum Wettkampf in der sächsischen Adam-Ries-Stadt angesagt, die die Tradition ihres berühmten Sohnes pflegt. Die Besucher werden unter anderem in die historische Rechenschule eingeladen, die der auch als Adam Riese berühmt gewordene Rechenmeister 1525 gegründet hatte. «Die Deutschen haben gute Chancen auf einen Titel», spekuliert Laue beim Sichten der Teilnehmerlisten. Als einer der heißesten Favoriten gilt Gert Mittring aus Bonn, Informatiker, Psychologe und Gewinner der diesjährigen Mind Sports Olympiade. Aber auch der Baden-Württemberger Rüdiger Gamm ist nicht zu unterschätzen. Sein Vorteil: Anders als viele Menschen rechnet er nicht nur mit dem Kurzzeitgedächtnis, sondern auch der Langzeitspeicher arbeitet mit. Ein Forscherteam bescheinigte dies dem gelernten Versicherungskaufmann, der noch nicht einmal Abitur hat. «Im Rechnen war ich der Schlechteste», sagt Gamm.

Damit ist er kein Einzelfall, wie Laue weiß. Denn die Kunst, aus einem Wust von Zahlen ein Ergebnis zu formen, ist eine Mischung aus Veranlagung, Training und Konzentration. Bei der Kopfrechen-WM müssen sich die Teilnehmer in vier Disziplinen analog zu den Grundrechenarten beweisen. So müssen 10 zehnstellige Zahlen addiert, 2 achtstellige Zahlen multipliziert und die Quadratwurzel aus einer sechsstelligen Zahl gezogen werden. Pro Disziplin bleiben zehn Minuten Zeit. Vierte Disziplin ist das Kalender rechnen. Hier hat Ravi Sankar aus Indien bereits angekündigt, zu einem Datum aus den Jahren 1600 bis 10099 alle Wochentage in nur 20 Sekunden berechnen zu können. Zusätzlich gibt es zwei Überraschungsaufgaben, die derzeit nur Hauptschiedsrichter Laue kennt.

Die Veranstaltung soll aber auch zeigen, dass selbst im Zeitalter des Computers das Verständnis für Mathematik wichtig ist. «Irgendjemand muss die Computer doch programmieren. Und auch einen Taschenrechner kann man ohne Verständnis für die nötigen Formeln nicht bedienen», sagt Laue. Daher werden sich auch Schüler am Rande der WM im Ein-mal-eins üben und sich von den Großen etwas abschauen. «Viele Kinder haben keine Größenvorstellung mehr und vertrauen dem Taschenrechner blind. Wenn sie bei einer Rechenaufgabe herausbekommen, dass eine Bank 115 Prozent Zinsen zahlt, glauben sie es», bemängelt Laue.

Die Idee für den Wettkampf rund um Plus und Minus kam Laue vor zwei Jahren, als er mit vier anderen Rechenfreunden über komplizierten Gleichungen brütete. «Wenn ich es nicht mache, machts keiner», sagte sich Laue. Von sich selbst würde der zurückhaltende Diplom-Mathematiker nie als «Superhirn» sprechen, auch wenn er bereits bei der ARD-Guinness-Show einen neuen Rekord im Kalender rechnen aufstellte und ein internationales Verzeichnis für Rekorde aller Art im Internet etablierte. «Mathematik ist eine Kulturtechnik, die man beherrschen muss», lautet sein Credo.

Von Tobias D. Höhn, dpa

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