Mythos Einstein

  • 13. January 2005


Albert Einstein wird verehrt wie kein zweiter Forscher. Vor 100 Jahren hatte das Jahrhundertgenie sein wissenschaftliches Wunderjahr. 

Hamburg (dpa) - Kein Forscher hat je solch eine öffentliche Verehrung erfahren wie Albert Einstein. Noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist Einstein (1879-1955) der mit Abstand populärste Wissenschaftler. Fast jeder kennt seine weltberühmte Formel E = mc², aber kaum ein Laie - und längst nicht jeder Fachmann - versteht die umwälzenden Erkenntnisse des Jahrhundertgenies, das 100 Jahre nach Einsteins wissenschaftlichem «Wunderjahr» 1905 in Deutschland jetzt mit einem «Einsteinjahr» gefeiert wird. Was macht Einstein so beliebt?

«Mir wird applaudiert, weil mich jeder versteht. Ihnen wird applaudiert, weil Sie niemand versteht», soll Charlie Chaplin einmal an Einstein gerichtet geäußert haben. «Es geht um große Fragen in Einsteins Arbeiten, das spürt jeder», erklärt der Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), Knut Urban vom Forschungszentrum Jülich. «Und das Unverständliche ist zusätzlich geeignet, Erfurcht zu erzeugen.»

«Die Kosmologie, die Lehre vom Universum, hat in der Öffentlichkeit auch immer eine metaphysische, ja fast religiöse Komponente», ergänzt Urban. Einsteins Relativitätstheorie ermöglichte nicht nur gut überprüfbare Vorhersagen wie etwa die Krümmung des Raums durch große Massen, sie konnte auch etwa ein sich ausdehnendes Universum beschreiben, lange bevor die Idee vom Urknall überhaupt Fuß fasste. «Durch Albert Einsteins Werk hat sich der Horizont der Menschheit unendlich erweitert, und gleichzeitig hat unser Bild vom Universum eine Geschlossenheit und Harmonie erreicht, von der man bisher nur träumen konnte», bemerkte der dänische Physiknobelpreisträger Niels Bohr einmal.

Noch heute sind Einsteins Arbeiten in der Forschung aktuell, wie Urban betont. Astronomen rätseln etwa über eine «Dunkle Energie», die das All auseinander zu treiben scheint, und die sich mit der von Einstein eingeführten «kosmologischen Konstante» beschreiben lässt. Quantenphysiker versuchen, den «Einstein-Podolski-Rosen-Effekt» zu verstehen, der in der Welt der Quantenphysik die Eigenschaften von atomaren Teilchen spontan über beliebig große Entfernungen verknüpft und beim so genannten Beamen zum Tragen kommt.

Sicher trägt auch die Entstehungsgeschichte von Einsteins ersten bahnbrechenden Entdeckungen zum Mythos bei. In seinem «annus mirabilis» (Wunderjahr) veröffentlichte der erst 26-jährige Physiker in kurzer Folge mehrere revolutionäre Arbeiten, die er nicht etwa als angesehener Professor, sondern als «technischer Experte III. Klasse» am Berner Patentamt quasi im Feierabend ersonnen hatte. Eine der Veröffentlichungen von 1905 war seine Doktorarbeit, die noch heute zu den meistzitierten Aufsätzen der Physik zählt.

Auch die Spezielle Relativitätstheorie mit der Formel E = mc² stammt aus diesem Jahr. Außerdem erklärte Einstein das als Brownsche Molekularbewegung bezeichnete Hin- und Herzittern kleiner Teilchen in einer Lösung und wendete Max Plancks Quantenhypothese auf das Licht an. Damit sprach er dem Licht Teilcheneigenschaften zu. Die Lichtquantenhypothese machte Einstein zu einem der Mitbegründer der Quantenphysik, und dieser bahnbrechende Beitrag, nicht die Relativitätstheorie, brachte ihm den Physiknobelpreis für 1921 ein.

Der Weltöffentlichkeit schlagartig bekannt wurde Einstein, der seine Erkenntnisse stets durch bloße Gedankenkraft gewann, nachdem sich 1919 eine der wesentlichen Voraussagen der 1915 in Berlin vollendeten Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigte. Der Theorie zufolge krümmen große Massen den Raum selbst, so dass auch das Licht abgelenkt wird. Genau diese Ablenkung wurde bei der Sonnenfinsternis vom Mai 1919 bei Sternen nahe der vom Mond verdeckten Sonne beobachtet.

Einen finsteren Schatten anderer Art warfen nach 1920 die zunehmenden antisemitischen Anfeindungen, die Einstein nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 schließlich aus dem Land trieben. Er emigrierte in die USA und betrat nie wieder deutschen Boden.

Einsteins Beliebtheit überstieg im Laufe der Jahre die großer Medienstars. Natürlich trug sein Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert zur Popularität bei. Die Frisur Einsteins, die sich nach seinen eigenen Worten «durch Vernachlässigung» ergab, und andere anscheinende Schlampigkeiten wie die stets fehlenden Socken ließen das Genie menschlich erscheinen. Bekannt war Einstein auch für seine politischen Äußerungen, mit denen der leidenschaftliche Pazifist nicht hinter dem Berg hielt.

Zusammen mit seiner wissenschaftlichen Besessenheit und seinem passionierten Bekenntnis zu Objektivität und Menschlichkeit ergab sich, unterstützt durch Einsteins offenen Umgang mit den Medien, das Bild eines «zutiefst menschlichen Idealisten», wie Urban es formuliert. «Er scheint hervorragend geeignet als Orientierungsfigur, mit der sich praktisch jeder identifizieren kann.»

Till Mundzeck, dpa

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