Rasender Raketenschrott

  • 18. April 2005


Darmstadt (dpa) - Das Abfallproblem wird auch im Weltraum immer schlimmer. Außerhalb der Erdatmosphäre zieht Raketenschrott seine Bahnen und wird zur wachsenden Gefahr für die Raumfahrt. «Wenn wir nichts tun, werden wir in den kommenden Jahrzehnten einige katastrophale Unfälle erleben», prophezeit Heiner Klinkrad vom Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum ESOC in Darmstadt. Auf seine Einladung hin treffen sich von Montag (18. April) an für drei Tage rund 250 Fachleute aus aller Welt, um Risiken und Lösungsmöglichkeiten zu erörtern.

Der Schrott stammt überwiegend aus den rund 180 Explosionen von Raketen und Satelliten in den vergangenen 40 Jahren. Hinzu kommen ausgebrannte Raketenstufen und Werkzeuge, die Astronauten bei ihren Weltraumausflügen aus den Händen geglitten sind. So rasen etwa ein Arbeitshandschuh und ein Schraubenzieher mit rund 28 000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Wehe dem, der ihnen in die Quere kommt.

Fachleute schätzen, dass inzwischen mehr als 100 000 Schrottteile um den Planeten kreisen, die meisten von ihnen nicht größer als Kieselsteine. Die Space Shuttles wurden regelmäßig von ihnen gestreift. «Meines Wissens mussten in den vergangenen Jahren aus diesem Grund 80 Fenster ausgetauscht werden», sagt Klinkrad. Auch die Solargeneratoren des «Hubble»-Weltraumteleskops, die zur Erde zurückgebracht wurden, zeigten etliche Kratzer und «Einschusslöcher».

Die Bahnen von etwa 9000 größeren Trümmern werden von der Erde aus ständig beobachtet und berechnet. Besteht die Gefahr eines Zusammenstoßes mit einem Satelliten, wird ein Ausweichmanöver geflogen. Erst kürzlich musste der 2,3 Milliarden Euro teure europäische Umweltsatellit Envisat vor einem Raumfahrtswrack in Sicherheit gebracht werden. Das kostet Zeit und Sprit. «Noch sind solche Manöver die Ausnahme, aber schon bald könnten sie die Regel werden», meint Klinkrad. Denn niemand kann verhindern, dass Schrott auf Schrott knallt. «Dann werden aus zwei Teilen plötzlich hunderte - und damit wächst die Gefahr neuer Kollisionen», beschreibt der Experte den befürchteten Schneeballeffekt.

Helfen könnte ein großer Weltraumstaubsauger, «doch den gibt es höchstens in der Science-Fiction», bedauert Klinkrad. So bleibt nur die Selbstreinigungskraft durch die Erdanziehung. Je nach Größe und Gewicht sinkt jedes Teil manchmal schon nach wenigen Monaten, meist aber erst nach Jahrzehnten in die Atmosphäre und verglüht. Einige wenige schlagen auch auf der Erde auf. Allerdings produziert in der Zwischenzeit die wachsende Zahl der Raumfahrtnationen jede Menge neuen Müll.

Wie auf der Erde lautet die Devise deshalb Abfallvermeidung, die - eine weitere Parallele - nicht umsonst zu haben ist. So könnten ausgediente Satelliten auf eine so genannte Friedhofsbahn geschossen und abgebrannte Raketenstufen gezielt zum Absturz gebracht werden. «Aber dafür braucht man Sprit», sagt Klinkrad, «und jedes zusätzliche Kilo Last kostet in der Raumfahrt eine Menge Geld».

Nicht zuletzt aus diesem Grund werden die Möglichkeiten der Müllvermeidung längst nicht ausgeschöpft. Auch scheint es noch immer Betreiber zu geben, die ausgediente Satelliten einfach sich selbst überlassen und sich nicht um deren Entsorgung kümmern. Klinkrad will das allerdings nicht bestätigen: «Ich glaube nicht, dass das heute noch jemand absichtlich macht.» Seine Hoffnung liegt in der Tatsache begründet, dass ein zugemüllter Weltraum allen schadet. Diese Einsicht könnte dazu führen, dass der Umweltschutz künftig auch für den Weg zu den Sternen gilt.

Ingo Senft-Werner, dpa

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