Eine geschenkte Sekunde

  • 09. November 2005


Eine geschenkte Sekunde 

Bonn (dpa) - Der Neujahrstag 2006 dauert eine Sekunde länger als sonst. Die Sekunde wird in Deutschland am 1. Januar um 00:59:59 Uhr eingebaut. Nötig ist diese Korrektur, weil sich die Erde tendenziell immer langsamer dreht. Taktgeber ist die Zeit im Londoner Vorort Greenwich: Am 31. Dezember folgt dort auf 23:59:59 Uhr erst eine Schaltsekunde, bevor die Ziffern auf 00:00:00 umspringen, wie die Universität Bonn am Dienstag mitteilte. Wegen der Zeitverschiebung zwischen England und Deutschland von einer Stunde werden die Funkuhren in Deutschland am 1. Januar kurz vor 1.00 Uhr umgestellt. Bereits 1884 wurde auf einer internationalen Konferenz beschlossen, vom Londoner Vorort Greenwich ausgehend eine global gültige Uhrzeitskala zu bestimmen.

Die Schaltsekunde wird weltweit zum selben Zeitpunkt eingefügt. Somit ist in allen Ländern mit Greenwich-Zeit und westlich davon der 31. Dezember um eine Sekunde länger, alle Länder östlich davon bekommen die Sekunde am 1. Januar geschenkt.

Schaltsekunden werden nach einem 1972 international vereinbarten System in die Atomzeit eingefügt - bisher sind es 32. Ein weltweites Netzwerk von Radioteleskopen misst regelmäßig die Geschwindigkeit der Erddrehung. Das Geodätische Institut der Universität Bonn koordiniert diese Messungen. Die Tageslänge kann sich binnen 24 Stunden um bis zu eine Millisekunde ändern. Dagegen ist die koordinierte Weltzeit (UTC), die aus den Daten von mehr als 250 Atomuhren erzeugt wird, immun gegen das Schwanken der Erdrotationsdauer. Folge: Die Weltzeit muss hin und wieder auf die Erde «warten», damit die Atomzeit und die durch die Erdrotation definierte astronomische Zeit nicht auseinander driften. In Zukunft wird der Korrekturbedarf nach Angaben der Universität Bonn noch wachsen, denn tendenziell dreht sich die Erde immer langsamer - nach zuletzt fünf recht flotten Jahren.

Möglicherweise ist die nächste Schaltsekunde eine der letzten. Kritiker wollen sie in eine Schaltstunde umwandeln: Sobald die Abweichung auf mehr als eine halbe Stunde wachse, solle man die Uhren um eine ganze Stunde nach hinten stellen. «Nach unseren Schätzungen wäre das etwa im Jahr 2600 der Fall», sagte Axel Nothnagel von der Universität Bonn. Der umstrittene Vorschlag wird seit Montag bei einem Treffen der Internationalen Fernmelde-Union (ITU) in Genf diskutiert, das bis zum Ende der Woche dauert. Das Zwischenschalten einer Sekunde kann bei zeitlich aufeinander abgestimmten Computersystemen weltweit zu Problemen führen. Daher möchten vor allem amerikanische Experten die Schaltsekunde abschaffen.

Timo Lindemann, dpa

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