Astronomischer Koloss

  • 23. November 2006

 

Sierra Negra (dpa) - Alfonso Serrano Perezgrobas gerät stets ins Schwärmen, wenn er über Astronomie in Mexiko spricht. Der Blick zu den Sternen ist für den Direktor des Instituts für Astrophysik (INAOE) eine traditionelle Vorliebe der Menschen, die hier in den Hochtälern zwischen den Gebirgszügen Mexikos dem Himmel immer näher waren als etwa die Eroberer aus Spanien, deren Blick wegen des Goldes und anderer Bodenschätze eher auf und unter die Erde gerichtet war. «Die Astronomie ist hier schon tausende von Jahren alt», sagt er. «Die Mayas, die Azteken und die anderen Völker der Region haben sich seinerzeit besser mit den Sternen ausgekannt und sie präziser beobachtet, als die Europäer.»

Um die Tradition in moderner Form wieder aufleben zu lassen, ist auf dem 4580 Meter hohen Gipfel der Sierra Negra seit 1997 das Large Millimeter Telescope (LMT) entstanden, das der mexikanische Präsident Vicente Fox am Mittwoch (Ortszeit) offiziell in Betrieb genommen hat. Es soll die so genannten Millimeterwellen der elektromagnetischen Strahlung beobachten und über diese so genannten Radiowellen zum Anfang des Universums zurückblicken, um etwa die Entstehung von Sternen und Galaxien zu erforschen.

Der Stahlkoloss wiegt rund 2500 Tonnen und ruht auf einem 540 Kubikmeter großen Betonsockel. Die Parabolantenne hat einen Durchmesser von 50 Metern und eine Fläche von 2000 Quadratmetern. «Es ist derzeit das einzige dieser Art, das größte weltweit», erklärt Serrano stolz. Er ist der Chefkoordinator des Projektes, mit dem Mexiko eine Führungsrolle in der Radioastronomie übernehmen will, wenn alles gut geht.

Serrano war von Anfang an dabei, seit zu Beginn der 90er Jahre im INAOE in Tonantzintla bei Puebla die Idee Formen annahm, in Mexiko ein Millimeterwellen-Teleskop zu bauen. Mehrere Jahre hatten die Wissenschaftler den Standort gesucht und sich dann für den Gipfel der Sierra Negra im Staate Puebla rund 250 Kilometer östlich von Mexiko- Stadt entschieden.

Nach allen Kriterien war der erloschene Vulkan der optimale Standort. «Im Winter haben wir hier Bedingungen wie in der Antarktis», betont Serrano. «Wir sind uns sicher, dass wir dann am meisten und am weitesten sehen können. Wir werden ein neues Fenster in das Universum aufstoßen.» Der Nachbar ist der Vulkan Orizaba, der mit knapp 5800 Metern höchste Berg Mexikos. Vielleicht spielte bei der Entscheidung auch sein vorspanischer Name eine Rolle: Citlaltepec, der «Sternenberg».

Die Inbetriebnahme des gemeinsam mit der US-Universität von Massachusetts geplanten Teleskops war schon für 2003 geplant. Mittlerweile sind die Kosten von ursprünglich rund 50 Millionen US-Dollar (40 Millionen Euro) auf 120 Millionen angewachsen. Auch deutsche Firmen und die Leistung deutscher Ingenieurskunst sind in das Projekt eingeflossen. Der Entwurf des Teleskops stammt von der MT Aerospace in Mainz, hauptsächlich von dem deutschen Ingenieur Hans Kärcher, dem Serrano am liebsten ein Denkmal setzte würde.

«Das ist eine spektakuläre Geschichte und ein Traum für jeden Ingenieur, eine solche Konstruktion zu entwerfen», erklärt der Leiter der Mechatronikabteilung des Mainzer Unternehmens, Thomas Zimmerer. Ähnliche Teleskope stehen unter anderem in Effelsberg in der Eifel, in Sardinien und in Chile. Auch die Technik, mit der die Antenne bewegt und justiert wird, kommt aus Mainz. Der MT Aerospace-Ingenieur Steffen Seubert sieht die größte Herausforderung in der Größe des Teleskops. «2500 Tonnen mit einer Ausrichtgenauigkeit von einer Bogensekunde zu bewegen, das ist schon eine Leistung», sagt er.

Nach der offiziellen Inbetriebnahme wird justiert, positioniert und nachgebessert. Es wird noch ein bis zwei Jahre dauern, ehe die aus 187 großen Reflektoren bestehende Antenne die Radiowellen so präzise empfangen kann, dass sie neue Bilder vom jungen Universum liefern kann. Dann werden die Nachfahren der Azteken über die Entstehung von Galaxien berichten.

Franz Smets, dpa

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