Aus dem Abgas, aus dem Sinn?

  • 24. April 2007

Aus dem Abgas, aus dem Sinn?

Spremberg/Clausthal (dpa) ­ Die Idee erscheint bestechend einfach. Das Klima schädigende Gas Kohlendioxid (CO2) wird im Kraftwerk aufgefangen und unter Tage gepumpt, damit es die Erde nicht erwärmt. Der Stromkonzern Vattenfall baut derzeit im brandenburgischen Spremberg das weltweit erste Kohlekraftwerk, dessen CO2 wieder im Untergrund verschwinden soll. Das Unternehmen spricht vollmundig von einem «CO2-freien Kraftwerk» ­ dabei verbraucht das mit ihm erprobte Verfahren so viel Energie, dass beim Betrieb sogar mehr CO2 entsteht.

Weitere Tücken dieser Technik: Es gibt in Deutschland nach Angaben der Technischen Universität Clausthal bei weitem nicht genug geeignete unterirdische Lagerstätten für das Treibhausgas. Das verflüssigte CO2 müsste demnach durch die Pipelines zu den Absendern von Erdöl oder Erdgas zurückgeschickt werden, etwa nach Norwegen oder Russland. Ehemalige Gaslagerstätten seien am besten dafür geeignet, erklärt Günter Pusch, Professor für Erdöl- und Erdgas- Lagerstättentechnik an der Technischen Universität Clausthal. «Die haben schließlich allein durch ihre Existenz bis in heutige Tage gezeigt, dass sie über die vergangenen rund 100 Millionen Jahre dicht gehalten haben.»

«Deutschland hat zu wenig Speicherplatz im Untergrund», erklärt Pusch und rechnet vor: «Ein Großkraftwerk stößt im Jahr etwa 10 Millionen Tonnen CO2 aus. Die Lebensdauer des Kraftwerks beträgt etwa 40 Jahre, das macht also 400 Millionen Tonnen.» Es gebe in Deutschland jedoch nur einen Ort der eine solche Menge aufnehmen könne: die Altmark-Lagerstätte bei Salzwedel. Das Land habe zwar noch mehr als 30 weitere Lager, die seien aber viel kleiner. Weltweit hingegen gebe es genügend Lagerstätten. «Wer wirklich langfristig an diese Felder denkt, muss das CO2 durch das gleiche Netzwerk von Transportleitungen zurückschicken, durch das heute Erdgas nach Deutschland strömt.»

Wie in der Altmark müssen in den alten Öl- und Gasfeldern keine neuen Hohlräume geschaffen werden ­ man nutzt schlicht jene, die nach dem Abbau ohnehin vorhanden sind. Das Gestein hat feine Poren, die in der Summe den gesuchten Hohlraum bilden. Alte Kohle- und Erzbergwerke hingegen scheiden laut Pusch als Speicher aus. Das Gas komme durch die vielen Risse und Öffnungen im Deckgestein bald wieder an die Oberfläche. In Deutschland sei lange Zeit auf die billige Kohle gesetzt worden. «Ich habe das Gefühl, dass hier gehandelt wird wie beim Atommüll: Das Entsorgungsproblem wird auf später verschoben.»

Eine weitere theoretische Möglichkeit, das Kohlendioxid zu entsorgen, sind tief liegende Grundwasserschichten. Diese so genannten Aquiferen (Wasserleiter) wurden vor vielen Millionen Jahren eingeschlossen, als sich Sedimente am Meeresboden aufschichteten. Bei ihnen muss jedoch erst noch gezeigt werden, dass sie vollkommen abgeschlossen sind und das CO2 nicht irgendwann entschwindet.

Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes kommt zu den Schluss, dass das Ausmaß der in Deutschland speicherbaren CO2-Menge noch nicht abschließend geklärt ist. «Dennoch kann abgeschätzt werden, dass ausreichende Speicherkapazitäten in salinaren (Salz haltigen) Aquiferen für 50 bis 100 Jahre vorhanden sein dürften.»

Die Umweltstiftung WWF sieht in der Kohle prinzipiell keine Lösung. «Kohle-, insbesondere Braunkohlekraftwerke sind Deutschlands größte Klimakiller, und das Festhalten an Kohle macht es unmöglich, die kürzlich beschlossenen Klimaschutzziele der EU zu erreichen», kritisiert die Leiterin Klimaschutz und Energiepolitik, Regine Günther.

Das Braunkohle-Kraftwerk «Schwarze Pumpe» ­ ebenfalls in Spremberg ­ ist nach Angaben von Vattenfall derzeit das weltweit modernste. Es habe einen Wirkungsgrad von 43 Prozent, sagt Unternehmenssprecher Damian Müller. Einer der beiden 800 Megawatt-Blöcke verbrenne jährlich rund 6 Millionen Tonnen Braunkohle, wobei rund 5,8 Millionen Tonnen CO2 frei würden. Der Einbau der CO2-Abtrennung werde den Wirkungsgrad um 8 Prozentpunkte auf 35 Prozent verringern.

Nach der Kalkulation des UN-Klimarates IPCC könnten diese Technik 15 bis 55 Prozent der Emissionsreduktionen ausmachen, die nötig seien, um den Anteil der Treibhausgase in der Atmosphäre bis 2100 zu stabilisieren. Finanziell attraktiv würden solche Techniken aber wahrscheinlich erst, wenn CO2-Erzeuger von ihren Regierungen stärker zur Kasse gebeten werden.

Thilo Resenhoeft, dpa

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