USA holen bei erneuerbaren Energien auf

  • 29. August 2007

Portland/Seattle (dpa) - Tod Lantz kann von den sanften Hügeln an der Grenze zwischen den Staaten Washington und Oregon ganz im Nordwesten der USA schauen, wohin er will - überall tut sich etwas auf den Kuppen rings umher. «Dahinten wird eine neue Anlage gebaut», sagt der Chef des Windparks «Leaning Juniper 1» und deutet zum diesigen Horizont. «Die dort ist ganz neu. Und da hinten», zeigt Lantz in eine ganz andere Richtung, «kommt auch noch eine hin.» Wie Pilze schießen derzeit Windkraftanlagen nahe des Columbia-Flusses, dem zweitgrößten Strom der Vereinigten Staaten nach dem Mississippi, aus dem Boden. «Der Ansturm hat begonnen», sagt er. «Die Versorger kaufen immer mehr alternative Energiequellen hinzu, und das meiste ist Windenergie. Das passiert derzeit überall im Land.»

Die braune «Mondlandschaft» dürfte eine der belebtesten Schauplätze einer rasanten Aufholjagd sein. In keinem anderen Land wurden in den vergangenen beiden Jahren mehr Megawatt an Windenergie- Kapazität hinzugebaut als in den USA - jeweils rund 2500; seit der Jahrtausendwende vervierfachte sich die Gesamtleistung. Der US- Verband für Windenergie (AWEA) schätzt, dass bis zum Jahr 2010 noch einmal 20.000 Megawatt hinzukommen. Dies würde die Kapazität auf deutlich mehr als 30.000 schrauben. Deutschland, derzeit noch weit führend in der Produktion von Strom durch Wind und zwei Plätze vor den USA, hatte Ende 2006 rund 20.600 Megawatt.

Bislang fristete Wind in den energiehungrigen USA trotz ihrer enormen Weite ein Mauerblümchendasein. Gerade ein dürres, knappes Prozent steuerten die Turbinen bislang zur Stromproduktion bei. Immerhin lassen sich mit diesen rund 31 Milliarden Kilowattstunden drei Millionen Durchschnittshaushalte versorgen. «Deutschland ist mit Blick auf die installierte Kapazität weltweit führend, aber es hat nur einen Bruchteil des Windenergiepotenzials von North Dakota», klingt es fast beleidigt von der AWEA. Würden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, könnte allein Wind das Doppelte der Strommenge erzeugen, die derzeit in den USA produziert werde. Theoretisch. Zu gerade sieben Prozent deckten erneuerbare Energien 2005 den US-Bedarf, wobei der Löwenanteil an Biomasse und Wasserkraft ging.

Aber es tut sich etwas, unübersehbar. Das erzkonservative Texas hat den Vorreiter in Sachen Grüner Energie Kalifornien bei der Windenergie-Kapazität inzwischen auf den zweiten Platz verwiesen. Drei der fünf größten Parks ragen aus dem Boden der Heimat von US-Präsident George W. Bush. Und der Nordwesten zählt zu den vielversprechendsten Regionen mit Blick auf erneuerbare Energien. Alles geschah wie anderswo auch in atemberaubendem Tempo.

«Vor acht oder neun Jahren hatten wir in den Staaten Washington Oregon, Idaho und Montana gerade einmal 100 Megawatt an erneuerbaren Energien», erinnert sich Rachel Shimshak, Direktorin des «Renewable Northwest Projects». Das Projekt arbeitet seit 13 Jahren in Oregons größter Stadt Portland daran, Energieanbieter und Bürgerinteressen zusammenzubringen. «Jetzt sind es 1600 Megawatt, und nächstes Jahr kommen noch einmal 1000 Megawatt hinzu», sagt sie nicht ohne ein klein wenig Stolz in der Stimme. Damit würde der Nordwesten mit dem riesigen Texas nach heutigem Stand beinahe gleichziehen.

Während in der fernen Hauptstadt Washington sich noch der Kongress mit Präsident Bush, dem Verweigerer des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung der Treibhausgase, über ein Gesetz über den künftigen Anteil alternativer Energien streitet, sind die Staaten längst davongeprescht. Rund die Hälfte von ihnen haben sich sogenannte «Renewable Portfolio Standards» (RPS) auferlegt, die festschreiben, bis wann wieviel Energie aus erneuerbaren Quellen kommen soll. Die Ziele variieren stark, von ambitionierten Absichten Kaliforniens, das bereits in drei Jahren den Anteil bei 20 Prozent haben möchte, bis beispielsweise Maryland, das 9,5 Prozent bis 2022 anpeilt. Präsident Bush indes hat sein Veto gegen ein landesweite Norm angekündigt, die 15 Prozent bis 2020 vorsieht.

Energieunternehmen wie PacifiCorp, das rund 1,6 Millionen Kunden bedient und vor einem Jahr den Windpark «Leaning Juniper 1» kaufte, denken entsprechend um - weil sie durch die «Renewable Portfolio Standards» müssen, aber auch, weil Windenergie inzwischen als effizient gilt, aus Washington D.C. Subventionen wirken und die Verbraucher Grüne Energie aus ihrer Steckdose fordern. Von derzeit knapp vier Prozent will PacifiCorp den Anteil an erneuerbaren Energien bis 2016 auf immerhin beinahe neun Prozent hochfahren. «Wind wird immer wettbewerbsfähiger im Vergleich zu anderen Optionen der Energieerzeugung. Es gibt natürlich Baukosten, aber der "Treibstoff" ist gratis», sagt Firmensprecherin Jan Mitchell. «Ein Hauptgrund für uns ist, dass Windenergie inzwischen kosteneffektiv ist.»

Die Grundbesitzer, Bauern und Viehzüchter, seien glücklich über die Entwicklung, weil die Turbinen sie bei ihrer Arbeit kaum stören, zugleich aber ein sicheres Zusatzeinkommen versprechen. Die Bezirksverwaltungen bis hin zu den Sheriffs in der nicht eben strukturstarken Region freuen sich derweil über Steuereinnahmen.

Und besonders gerne engagiert sich das Unternehmen «Leaning Juniper» mit seinen 67 Turbinen und 100 Megawatt, weil der Nordwestzipfel der USA seit Jahrzehnten im Übermaß eine ganz andere, ebenfalls erneuerbare Energiequelle genießt: stetige Wasserkraft, die gegebenenfalls Flauten ausgleichen kann, während überall an weiteren Möglichkeiten der Gewinnung alternativer Energien gewerkelt wird.

«Die Grundlage und das Rückgrat der Stromerzeugung in der Region ist schlicht Hydroenergie», weiß auch Rachel Shimshak vom «Renewable Northwest Project». Mehr als die Hälfte der Energie, die die Region verbrauche, stamme aus den Staudämmen. Es gebe eine Menge Wind, eine Menge Erdwärme, eine Menge Solar, an der Küste arbeite man an Energiegewinnung durch Wellen, die Brennstoffzellen-Industrie wachse. «Wir werden all das brauchen, um mit dem Klimawandel fertigzuwerden. Und wir fühlen uns im Nordwesten gesegnet, derart viele verschiedene Ressourcen zur Verfügung zu haben», sagt sie.

Das Kronjuwel der amerikanischen Wasserkraft sitzt seit mehr als 60 Jahren in einer Schlucht etwa drei Autostunden nördlich des Windpark-Eldorados an der Staatengrenze von Washington und Oregon: der Grand-Coulee-Damm. Der meterdicke Boden zittert von den durchschießenden Wassermassen und den Vibrationen der sechs Generatoren, als Führerin Capri im Turbinenhaus 3 von der Geschichte der größten Betonkonstruktion der USA erzählt. Eineinhalb Kilometer lang überragt er in der Höhe die Pyramiden von Giseh; die Niagara- Fälle hätten zweimal Platz in ihm. In den vier Kraftwerken sitzen insgesamt 33 Generatoren. «Der produzierte Strom spült uns zwei Millionen Dollar (1,5 Millionen Euro) Umsatz am Tag in die Kasse», berichtet Capri, die per Mikro gegen das Dröhnen kämpft, das der graue Koloss unentwegt und kraftvoll von sich gibt.

Kein anderer US-Staat wirft so viel Strom durch Wasserkraft ab wie Washington, dem es durch den Columbia-Fluss und eine Reihe anderer Ströme gegeben ist: 11.470 Megawatt. Der zweite auf der Liste, Kalifornien, kommt mit rund 4700 Megawatt nicht einmal annähernd heran. Für den Nationalen Wasserkraftverband NHA ist das Erreichte noch nicht genug: 5400 Standorte hat die Lobbyorganisation in den USA ausgemacht, wo kleinere Kraftwerke Platz hätten, die zusammen noch einmal 18.000 Megawatt Leistung beisteuern könnten.

Rachel Shimshak winkt ab. «Wasserkraft ist im Nordwesten eigentlich abgehandelt. Es ist alles angezapft, was angezapft werden konnte», sagt die Energieexpertin in Portland. «Also müssen wir uns nach neuen Ressourcen umschauen.» Angesichts der Tatsache, dass Windenergie inzwischen auch ökonomisch salonfähig geworden ist, aber auch mit Blick auf ein verändertes Bewusstsein der Amerikaner ist sie vorsichtig optimistisch. «Ich denke, die Versorger sind sich im Klaren darüber, dass die Verbraucher Grüne Energie wünschen. So lange die Anbieter dabei ihre Kosten im Zaum halten und es keine Turbulenzen gibt, werden sie an der Sache interessiert sein.»

Aber schon stellen sich der schönen neuen Welt der alternativen Energie in den USA ökonomische und politische Hürden in den Weg. «Angesichts des Wachstums der Windenergie-Industrie, wird es immer schwerer, an Turbinen heranzukommen», berichtet Tod Lantz, Chef der «Leaning Juniper 1»-Anlage. Die Preise steigen angesichts der Nachfrage, auch für begehrte Standorte. «Wir sind an einem kritischen Punkt», sagt er. «Wir müssen wirklich schauen, dass wir die Entwicklung neuer Projekte nicht zu scharf vorantreiben, um nicht einen zu scharfen Anstieg der Kosten zu verursachen.» Und vielleicht empfinden die Menschen in der Region ständig wachsende Windparks irgendwann vielleicht doch nicht mehr als Augenweide.

Und da ist dann noch die wenig berechenbare Energiepolitik aus der Hauptstadt. «Die Steuergutschriften haben wirklich dazu beigetragen, Windenergie wettbewerbsfähig zu machen», räumt Rachel Shimshak ein. «Aber bitte nicht falsch verstehen: Die Subventionen für fossile Brennstoffe und Atom übertreffen die für erneuerbare Energien um ein Vielfaches.» Noch dazu muss Washington die Unterstützung des Stroms aus Wind alle zwei Jahre neu genehmigen.

Wo die USA in zehn Jahren mit Blick auf erneuerbare Energien sein wird? Shimshak pausiert einen Moment. «Mit etwas Glück sind wir in zehn Jahren zehn Mal weiter als heute.» Solange man aber nicht bei substanziellen zehn oder 20 Prozent Anteil an alternativen Energien in den USA sei, «wird es noch ein paar Berge zu besteigen geben».

Frank Brandmaier, dpa

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