Klimaforscher fassen sich kurz

  • 07. November 2007

Klimaforscher fassen sich kurz 

Hamburg/Valencia (dpa) ­ Der Mensch erwärmt die Atmosphäre durch Treibhausgase und gefährdet damit das Leben vieler Millionen Erdenbürger. Das zeigt der diesjährige UN-Klimareport in bislang nicht gekannter Klarheit. Vom kommenden Montag an erstellt der Weltklimarat in Valencia aus den zunächst rund 15.000 Reportseiten eine etwa zehnseitige Zusammenfassung für die Politiker. Diese können auf dieser Basis im Dezember auf der Klimakonferenz von Bali entscheiden, wie sie den weiteren Anstieg der Temperatur begrenzen wollen. Der jüngst mit dem Friedensnobelpreis ausgestattete und damit moralisch gestärkte Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wird die Zusammenfassung mit den politischen Delegationen eine Woche lang verhandeln. Zur Präsentation am 17. November wird auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erwartet.

Die rund 2500 ehrenamtlich arbeitenden Wissenschaftler des IPCC forschen zwar unabhängig von Regierungen, ihre Resultate müssen aber von den politischen Delegationen der Mitgliedsländer abgesegnet werden. «Daher wird um viele Sätze und einzelne Wörter gefeilscht und gestritten», erklärt Professor Olav Hohmeyer von der Universität Kiel. Er ist einer der stellvertretenden Vorsitzenden der IPCC- Arbeitsgruppe III. Diese befasst sich damit, wie der Mensch den Klimawandel bremsen kann ­ oder wie er lernt, sich darauf einzustellen.

Der Zwang zur Einigung berge zwar die Gefahr, dass der Text in seiner Schärfe abgemildert wird, sagt der Klimaforscher. «Aber das ist der Preis dafür, dass der Bericht anschließend Konsens ist. Und daraus ergibt sich seine Bedeutung für Bali.» Denn: «Jedes Statement, das im Konsens von allen Regierungen der Welt akzeptiert wird, ist im Prinzip unumstößlich.»

Die bisherigen Zusammenfassungen der Klimareports ­ eine für jeden der drei Teilberichte ­ seien aus der fachlichen Sicht der jeweiligen Gruppen verfasst, erklärt Hohmeyer. In Valencia soll daraus das Gesamtbild zusammengefügt werden. «Regierungen, die möglichst wenig für den Klimawandel tun möchten, scheuen Syntheseberichte wie der Teufel das Weihwasser», sagt der in Verhandlungen geübte Forscher. «Die Amerikaner und die Saudis wollten einen Synthesebericht ganz verhindern.» Als klar wurde, dass es dennoch ein solches Dokument geben würde, habe er auf Wunsch der Kritiker erst im Januar 2008 erscheinen sollen ­ nach der großen Konferenz auf Bali.

«Der Synthesebericht wird die Dringlichkeit des Handelns klar machen ­ egal, wie weichgespült er ist. Und wenn das auf zehn Seiten konzentriert ist, kann niemand sagen, er habe keine Zeit gehabt, es zu lesen. Die Nachrichten sind so einfach, dass ein Handlungsdruck erzeugt wird», sagt Hohmeyer.

Der Report greift auf Daten bis etwa Mitte 2006 zurück ­ irgendwann muss Redaktionsschluss sein. Daher ist etwa der im Oktober 2006 veröffentlichte und viel beachtete Bericht des Ökonomen Nikolaus Stern nicht enthalten. Der sagt, kurz gefasst, das es billiger ist, den Klimawandel jetzt zu bremsen statt in Jahrzehnten seine Folgen zu bezahlen. Auch weitere neuste Forschungsergebnisse sind noch gar nicht Teil des Reports. «Dann wäre er noch schärfer und warnender ausgefallen», sagt der Leiter des Europäischen Büros der Umweltstiftung WWF für Klima und Energiepolitik, Stefan Singer. Der WWF hat Beraterstatus.

Auch viele weitere Daten seien inzwischen noch dazugekommen. Der Meeresspiegel steige voraussichtlich schneller als im Bericht erwartet, sagt Singer. Die seinerzeit veranschlagten 20 bis 60 Zentimeter erscheinen ­ etwa nach neueren Untersuchungen von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ­ als zu niedrig. Auch gebe es neues Wissen über Rückkopplungen: Wenn mehr (weißes) Polareis schmilzt, wird weniger Sonnenlicht zurückreflektiert. Es erhitzt das (dunklere) Wasser stärker und lässt wiederum mehr Eis schmelzen.

Viele Forscher und der WWF halten daher unter anderem sogar einen Anstieg des Meeresspiegels um 1,40 Meter in diesem Jahrhundert für möglich. «Was der IPCC präsentiert, ist der Konsensus am konservativen Ende. Die neue Literatur, die nicht ausgewertet werden konnte, ist dramatischer», sagt Singer.

Thilo Resenhoeft, dpa

Hintergrund - Der UN-Klimarat IPCC
Die Erderwärmung führte 1988 zur Gründung des UN-Klimarats. Das auch Weltklimarat genannte Gremium soll die wissenschaftlichen Daten zum Klimawandel sammeln, auswerten und verständlich darstellen. Ins Leben gerufen wurde der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) von der Weltwetterorganisation (WMO) und dem UN-Umweltprogramm (UNEP).

Der Rat mit Sitz in Genf forscht nicht selbst, sondern fasst seriöse wissenschaftliche Studien zusammen. Mit seinem Report in diesem Jahr zeigte er die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel so deutlich auf wie nie zuvor. Er hat zuvor bereits drei umfassende Berichte zum Klimawandel veröffentlicht (1990, 1995 und 2001). Der Klimarat soll zudem aufzeigen, wie sich die Änderungen auf Umwelt und Gesellschaft auswirken, sowie realistische Vermeidungs- und Anpassungsstrategien benennen.

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