Biokraftstoffe sind kein Patentrezept

  • 09. July 2008

Hamburg (dpa) - Biokraftstoffe sollten eigentlich eine umweltfreundliche Energiequelle werden und die Abhängigkeit von Erdöl vermindern. Doch sie verbrauchen Ackerfläche, produzieren oftmals Treibhausgase und lassen die Lebensmittelpreise steigen. Bis zu 75 Prozent der Preissteigerung für Nahrung sind laut Weltbank auf Pflanzen für die Herstellung von Biosprit zurückzuführen. Ein mit Biosprit betanktes Auto kann je nach Herkunft des Sprits sogar mehr Klimagase auspusten als ein Benziner.

Nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) tragen Biokraftstoffe weltweit zu einem Prozent zur Stromversorgung bei und zu ein bis zwei Prozent zum Sprit. Das klingt wenig, doch die FAO hat weit drastischere Zahlen: 23 Prozent der Getreideproduktion in den USA wurde 2007 für Biosprit (Ethanol) verwendet, und 54 Prozent des brasilianischen Zuckerrohrs. In der EU seien 47 Prozent der Pflanzenöl-Produktion als Biodiesel genutzt worden - mit der Folge, dass mehr Speiseöl importiert werden musste.

Auch die Klimabilanz ist aufgrund von Anbau, Düngung, Ernte und Verarbeitung oft ungünstig: Allein aufgrund der klimaschädlichen Stickstoff-Düngung ist Biodiesel aus Raps laut Nobelpreisträger Paul Crutzen 1 bis 1,7 Mal klimaschädlicher als normaler Treibstoff, Bioethanol aus Mais bis zu 1,5 Mal. Zuckerrohr kommt günstiger weg, da es nicht oder wenig gedüngt werde.

Besonders schlecht ist die CO2-Bilanz, wenn Regenwald für Biosprit gerodet wird. Durch die Brandrodung in Indonesien entsteht laut Joe Fargione von der Umweltorganisation The Nature Conservancy mehr als 400 Mal so viel Kohlendioxid wie mithilfe von Palmöl auf derselben Fläche pro Jahr gespart werden könne. Brasilianischer Regenwald, der in Soja-Plantagen umgewandelt wird, setze 300 Mal mehr Kohlendioxid frei als der Biosprit pro Jahr spare. Und auch in Deutschland wird Greenpeace zufolge Biosprit aus Soja- und Palmöl verwendet: In jeder fünften Probe wurde Palmöl-Diesel nachgewiesen.

Biokraftstoffe seien keinesfalls die Patentlösung für alle Energieprobleme, sagt auch Guido Reinhardt vom Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg. «Dafür bräuchte man viel zu viel Biomasse.» Es könnte aber eine Teillösung sein. Zudem sei es nicht sehr effizient, Pflanzen in Biosprit umzuwandeln. «Man kann drei bis fünfmal mehr fossile Energie und Treibhausgase einsparen, wenn man aus einer Pflanze Ökostrom statt Biosprit produziert.»

«Wenn wir in der EU auf allen Agrarflächen Nahrungsmittel und Tierfutter für den eigenen Verbrauch anbauen würden, hätten wir praktisch keine Restflächen für Bioenergie mehr», betont Reinhardt. Jeder Anbau von Bioenergie müsse daher mit Nahrungsimporten aus anderen Kontinenten ausgeglichen werden. «Es gibt weltweit begrenzte Flächen, damit stehen nachhaltige Biokraftstoffe nur begrenzt zur Verfügung.» Selbst der Einsatz stillgelegter Flächen bringe nicht viel, weil dies viel zu wenig sei.

Nach Ansicht Reinhardts sollten Reststoffe wie Gülle, Stroh und Waldrestholz erste Priorität bekommen. «Diese drei bilden ein Drittel des Potenzials an Biomasse in Deutschland.» In Deutschland werde für die Energiegewinnung erst 15 Prozent der Gülle, fast kein Stroh und weit unter zehn Prozent des Waldrestholzes genutzt. Das Einsammeln des Holzes sei sehr kostspielig. Für Acker und Wald seien keine Schäden zu befürchten, solange etwa ein Drittel des Strohs auf dem Feld bleibt und ein Teil des Restholzes im Wald.

Biokraftstoffe der zweiten Generation seien noch keine Lösung: Vor 2020 sei aus technischen Gründen nicht damit zu rechnen, dass große Mengen des dieselähnlichen BtL-Sprits (Biomass to Liquid) auf den Markt kommen. Die zweite Stoffgruppe - Ethanol aus Cellulose - sei noch viel zu teuer. Als Lösung sieht Reinhardt kleinere Fahrzeuge an. So solle es etwa in Deutschland eine Aufhebung der Steuerbegünstigung für Dienstwagen geben, denn jedes zweite große Neufahrzeug in Deutschland gehöre dazu. Die Bevölkerung solle langfristig weniger Auto fahren, was mit einer höheren Mineralölsteuer möglich werde und die Steuern auf Neufahrzeuge sollten wie in Frankreich erhöht werden.

Simone Humml, dpa

Hintergrund - Biomasse und Biosprit der 1. und der 2. Generation

  • BIOMASSE ist der erste vom Menschen genutzte Brennstoff überhaupt. Noch heute tragen Pflanzen zu zehn Prozent zum Weltenergieverbrauch bei - zumeist als Holz direkt zum Kochen oder Heizen. Weltweit wird aus Biomasse nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) ein Prozent des Stroms produziert, etwa aus Biogas, und ein bis zwei Prozent des Sprits. Für Biosprit wurde laut FAO 2004 etwa ein Prozent des weltweiten Agrarlandes verwendet.

  • BIODIESEL wird vor allem aus Rapsöl in der EU und aus Ölpalmen in Südostasien hergestellt und ist normalem Dieselkraftstoff vergleichbar. Er macht den größten Teil (61 Prozent) des Biosprits Deutschlands aus. An rund 1900 Tankstellen wird er bereits in Reinform angeboten und ist zudem dem normalen Diesel beigemischt. Laut Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) bringt ein Hektar Raps etwa 1550 Liter pro Jahr, der Energiegehalt entspricht fast dem von Diesel.

  • PFLANZENÖL hat in Deutschland laut FNR einen Anteil von 26,6 Prozent am Biosprit. Am kostengünstigsten in Deutschland sei Rapsöl, Öl aus Sonnenblumen sei teurer. Weltweit werden auch Soja- und Palmöl verwendet. Für Raps lassen sich etwa 1500 Liter pro Hektar gewinnen, es hat pro Liter fast so viel Energie wie Diesel.

  • BIOETHANOL kann statt Benzin oder Super eingesetzt werden. 80 Prozent des weltweiten Ethanols wird aus Zuckerrohr in Brasilien oder Mais aus den USA hergestellt. Laut FAO ist die Ethanolgewinnung in Brasilien der einzige Biosprit weltweit, der nicht bezuschusst werden muss. 90 Prozent des weltweiten Biosprits sei Ethanol. In Deutschland lassen sich 2560 Liter Bioethanol pro Hektar herstellen. Allerdings ist der Energiegehalt gering, denn 1 Liter Ethanol ersetze etwa 0,66 Liter Benzin.

  • BIOKRAFTSTOFFE DER 2. GENERATION sind noch weitgehend Zukunftsmusik. Im April startete in Deutschland die Inbetriebnahme der weltweit ersten kommerziellen BtL-Anlage (Biomass to Liquid/ Biomasse zu Flüssigkeit). Dabei werden Holzreste und Bäume in einem aufwendigen Verfahren über ein Gas zu Biosprit umgewandelt. Theoretisch ist auch anderer Bioabfall für die Verwertung denkbar. Experten setzen große Hoffnungen darauf, da sie entweder kein Ackerland verbrauchen oder 4000 Liter dieselähnlicher Sprit pro Hektar hergestellt werden können.

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