Vor 30 Jahren: der erste Deutsche im All

  • 20. August 2008

Vor 30 Jahren: der erste Deutsche im All

Morgenröthe-Rautenkranz (dpa) - Sein Flug in die Geschichtsbücher dauerte genau sieben Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und vier Sekunden. Vor 30 Jahren, am 26. August 1978, startete der NVA-Oberstleutnant Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Als er am 3. September zur Erde zurückkehrte, hatte die DDR eine Art Popstar. Das ganze Land befand sich im kollektiven Rausch. Die SED-Propaganda feierte den Flug als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus. In euphorischen Medienberichten wurde Jähn zur schier überirdischen Identifikationsfigur stilisiert.

Es war ein lauer Samstagabend, als um 19.51 Uhr Ortszeit das Raumschiff Sojus 31 mit Jähn und dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski vom Weltraumbahnhof Baikonur abhob. Das SED-Zentralorgan «Neues Deutschland» beschrieb die erfolgreiche Ausreise als «historisches Ereignis im Leben unseres Volkes». Im Fernsehen gab es Sondersendungen. Zeitungen veröffentlichten «Selbstverpflichtungen» von DDR-Bürgern, die sich Jähn als Vorbild für neue Arbeitsleistungen nahmen.

Sigmund Jähn, der Mann aus dem kleinen Vogtland-Ort Morgenröthe- Rautenkranz, war allgegenwärtig. Die Oberen ließen so viele Plakate mit seinem Konterfei aufhängen, dass «ein Jähn» fortan scherzhaft als Maßeinheit den Abstand dazwischen angab. Souvenirs zum All-Flug wurden zu Verkaufsschlagern. In der Euphorie würdigten die DDR- Blätter Jähn als «ersten Deutschen im All». Dabei hätte es nach offiziellem Sprachgebrauch eher «DDR-Bürger» heißen müssen. Dass sich die Raumkapsel bei der Landung dreimal überschlug und Jähn sich das Rückgrat verletzte, verschwieg die Propaganda-Maschinerie.

Es war ein Flug zwischen Propaganda und Wissenschaft. Jähn züchtete neuartige Kristalle für die Industrie und schoss mit dem Multispektral-Fotokamerasystem MKF-6 aus Jena zahlreiche Aufnahmen der Erdoberfläche. Er hielt Wimpel in die Bord-Kamera, dankte dem Zentralkomitee der SED und widmete den Flug dem 30. Jahrestag der DDR. Später räumte der Vater von zwei Töchtern ein, dass er solche Sätze auswendig lernen musste: «Das war alles abgestimmt.»

Westdeutschen Medien war der Raumflug zumeist nur eine Randnotiz wert - die Wahl von Papst Johannes Paul I. war wichtiger. Mit Häme bedachten sie aber die Hysterie im Osten. «Was da (...) an Propagandarummel entfaltet wurde, das erweckte beinahe den Eindruck, als habe ein Ostdeutscher soeben das Raumfahrtzeitalter eröffnet», spottete etwa «Der Spiegel» und stellte fest, dass ein Flug in den Weltraum doch längst zur Routine geworden sei. Die Bundesrepublik zog erst fünf Jahre später nach, als Ulf Merbold - ebenfalls ein gebürtiger Vogtländer - ins All flog.

Jähn kam hoch hinaus, aber er stapelte stets tief - was ihm große Sympathien einbrachte. «Er ist ein ganz bescheidener Mann», sagt der Bürgermeister von Morgenröthe-Rautenkranz, Konrad Stahl (CDU). Etwa einmal im Monat kommt der heute 71 Jahre alte Jähn, der seit Jahren in Strausberg bei Berlin wohnt, noch in sein Ferienhaus im Vogtland. Für die Ostdeutschen blieb «Siggi» einer von ihnen.

Er habe sich nie als Held gefühlt, sagt Jähn. Der Rummel sei ihm eher peinlich gewesen. Auch heute geht er Journalisten lieber aus dem Weg. Und so bezeichnete der damalige Bundespräsident Johannes Rau Jähn an dessen 65. Geburtstag 2002 auch als «Held wider Willen», der sich immer treugeblieben sei. «Sie haben (...) vielen Menschen das Gefühl gegeben, zum ersten Mal sei "einer von uns" hinaus ins All geflogen», sagte Rau.

Die Zeit nach der Wende sei für ihn, der eine sozialistische Bilderbuch-Karriere hingelegt hatte, zunächst schwer gewesen, bekennt Jähn. Die Bundeswehr wollte ihn wie viele andere Offiziere nicht beschäftigen. Dass er dennoch wieder Fuß fasste, war auch Ulf Merbolds Verdienst. Die Raumfahrer kannten sich seit 1984 und hatten den Mauerfall 1989 zusammen bei einer Konferenz in Riad (Saudi- Arabien) erlebt. Merbold organisierte Jähn einen Job als Berater der europäischen Raumfahrtorganisation ESA und des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR). «Ohne ihn wären viele deutsche Astronauten sicherlich nicht mit den Russen ins All geflogen», sagt DLR-Sprecher Andreas Schütz über Sigmund Jähn.

Erik Nebel, dpa

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