Gleiche Chancen?

  • 27. October 2008
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Auch in der Physik ist die Gleichstellung von Frauen und Männern ein aktuelles Thema. Von Cornelia Denz.

Physik Journal. Die Alpha-Mädchen "wie eine neue Generation von Frauen die Männer überholt" so titelte der Spiegel im Mai 2007. Die Regisseurin Nina Mattenklatz bringt die schöne neue Welt auf den Punkt: "Ein Alpha-Mädchen wie ich steht morgens verliebt auf, arbeitet in dem Beruf, den es sich erträumt hat und freut sich auf ihre Kinder, die sie eines Tages bekommen wird". Es scheint also eine unglaubliche Wandlung im Gange zu sein: Frauen wollen Karriere machen und eine Familie gründen und alle Wege scheinen ihnen offen zu stehen. In dieser neuen Welt der Alpha-Mädchen gibt es keine ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern mehr, keine Ungleichverteilung der Geschlechter auf der Karriereleiter und auch keine Vereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf.

Da lohnt ein Blick in unseren Traumberuf, die Physik: Ist hier auch bereits diese wunderbare Gleichstellung erreicht? Sicher ist positiv zu vermelden, dass der Frauenanteil unter den Physikstudierenden seit Mitte der 90er-Jahre stetig zugenommen hat und in manchen Universitäten heute über 20 % erreicht. Allerdings zeigt die weitere akademische Ausbildung eine ernüchternde Bilanz: Bei den Habilitationen sind nur 10 % Frauen und bei Professuren im Fach Physik nur ca. 5 % zu finden. Obwohl der berufliche Karriere­erfolg von Frauen auch in vielen anderen Bereichen geringer ist als derjenige von Männern, muss uns dies zu denken geben. Frauen haben die gleiche Begabung und Qualifikation für die Physik, und selbst die Erwartungen an den Beruf und an ihre Karriere sind bei Frauen und Männern gleich, wie die Studie des BMBF "Arbeitswelt in Bewegung" belegt. Jedoch scheinen die Vorstellungen hinsichtlich einer zufriedenstellenden Lebenssituation von Männern und Frauen gerade im Bezug zur Physik stark zu differieren.

Für Mädchen und Frauen steht bereits zu Studienbeginn oft das private Umfeld im Widerspruch zur Studienentscheidung und bildet eine unsichtbare Schwelle. So wird 15 % der Physikerinnen von ihren Eltern oder dem Freundeskreis vom Physikstudium abgeraten. Physiker dagegen erfahren deutlich seltener eine solche Reaktion. Ein wichtiges Kriterium für die Zufriedenheit mit der durch die Berufswahl entstehenden Lebenssituation ist die Frage, wie sich der Beruf mit einer Partnerschaft vereinbaren lässt. Bei nahezu allen Physikerinnen mit Partner ist dieser berufstätig, bei Männern hingegen lebt etwa ein Drittel mit einer nicht berufstätigen Partnerin zusammen. Somit sind es vor allem die Frauen, deren Partnerschaften durch zwei Berufskarrieren gekennzeichnet sind, mit allem, was dies mit sich bringt: schwierige Abstimmungsprozesse von zwei Karrieren, gemeinsame Haushalts- und Familienarbeit oder auch Wohnen an getrennten Orten.

Hier drängen sich einfache Maßnahmen auf, um Nachteile für Frauen zu beheben: So ist die Ermutigung von Schülerinnen inzwischen ein etabliertes Element der Förderung in der Physik. Der in vielen Fakultäten veranstaltete Girls Day zeigt Mädchen eine moderne, interdisziplinäre Physik, in der Teamarbeit und internationale Kooperationen den Forschungsalltag bestimmen. Eine Kultur der Förderung von Studierenden ist jedoch weit weniger etabliert. Während amerikanische Universitäten "equal opportunity measures" ganz selbstverständlich in den Fachbereichsalltag integrieren, bleibt in vielen deutschen Universitäten die Förderung von Physikerinnen (z. B. durch Mentorinnenprogramme) den Gleichstellungsstellen überlassen. Die alljährlich stattfindenden Physikerinnentagungen zeigen, wie sich Physikerinnen untereinander wissenschaftlich vernetzen können.

Wenn es auf den oberen Sprossen der Karriereleiter um die Rekrutierung der besten Wissenschaftlerinnen für eine Universität geht, scheint es ebenfalls ein Leichtes, Frauen durch Berücksichtigung der Dual-Career-Lebenssituation zu stärken. Dual-Career-Angebote sind in den USA inzwischen ein Markenzeichen für exzellente Universitäten. In Europa macht die ETH Zürich vor, wie man erfolgreich hochqualifizierte Wissenschaftlerpaare anwirbt und durch attraktive Arbeitsmöglichkeiten für beide Partner auch langfristig hält. Hier müssen deutsche Universitäten noch mehr dazulernen: Das durch Programme des Wissenschaftsrates oder der Bosch-Stiftung wachsende Bewusstsein für die Belange von Doppelkarrierenpaaren zeigt bereits den richtigen Weg.

Wenn durch diese Maßnahmen das Fach Physik an Universitäten und Fachhochschulen zu einem Ort der Ermutigung von Frauen wird, ist Gleichstellung tatsächlich erreicht. Dann dürfen wir auf eine neue Generation von erfolgreichen "Alpha-Physikerinnen" gespannt sein.

Cornelia Denz





Prof. Dr. Cornelia Denz ist Direktorin des Instituts für Angewandte Physik und Sprecherin des Center for Nonlinear Science der Universität Münster. Neben der Forschung engagiert sie sich für die Förderung von Mädchen und Frauen in der Physik, u. a. im BMBF-MINT Projekt "Light up your Life - Optik für Mädchen", das sie initiiert hat.

Quelle: Physik Journal, November 2008, S. 3


Weitere Infos:

  • Die diesjährige zwölfte Physikerinnentagung findet vom 6. bis 9. November 2008 an der Universität Münster statt, mehr Informationen unter www.physikerinnen­tagung.de.


GWF

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