Eine Stunde mobil

  • 09. March 2004

Fahrzeiten von einer Stunde gelten als hinnehmbar - intelligente Systeme sollen für freie Fahrt sorgen.

Darmstadt (dpa) - Die Mobilität der Menschen hat enge psychologische Grenzen: Entfernungen, die innerhalb einer Stunde überbrückt werden können, werden nach wissenschaftlichen Untersuchungen als hinnehmbar empfunden. Was länger dauert, ist unangenehm und wird nach Möglichkeit vermieden. Dieses Gefühl gehört nach Angaben des Verkehrsplaners Manfred Boltze von der Technischen Universität Darmstadt zu den Grundeinstellungen der menschlichen Spezies. Deshalb wird seit langem alles daran gesetzt, um in dieser einen Stunde möglichst weit zu kommen. Nach der Entwicklung immer schnellerer Autos und Züge setzt die Forschung jetzt verstärkt auf Stauvermeidung und bessere Vernetzung der Verkehrsmittel.

Die Mobilitätsbeschränkung zeigt sich auch im Städtebau. «Berlin etwa ist mit den neuen Verkehrsmitteln gewachsen», erläutert Boltze. «Je schneller man die Stadt innerhalb von einer Stunde durchqueren konnte, desto größer wurde sie.» Doch mit dem Massenaufkommen des Autos ging die Transportgeschwindigkeit plötzlich drastisch zurück. So kommt ein Autofahrer in der Innenstadt von London im Schnitt pro Stunde zwölf Kilometer weit. Der Fortschritt zur Pferdekutsche ist damit dahin.

Doch das Auto bleibt trotzdem Verkehrsmittel Nummer eins. Rund 80 Prozent aller Wege legt der Mensch auf vier Rädern zurück, sagt Boltze: «Und eine Kehrtwende ist nicht abzusehen». Damit das Auto seine Schnelligkeit ausspielen kann, setzten die Planer auf Satelliten gestützte Verkehrsleitsysteme. So wird zurzeit mit dem «Richtungswechselbetrieb» experimentiert: Damit können bei vierspurigen Straßen in Stoßzeiten drei Bahnen in eine Richtung geöffnet werden. «Wir müssen mehr Intelligenz in die Straßennutzung einbauen, damit wir flexibel auf die Verkehrsströme reagieren können», erläutert Boltze.

Zu dem System gehört auch die Maut. «Künftig wird nicht mehr jeder überall kostenfrei mit seinem Auto fahren dürfen», prophezeit der Professor. Anwohnerparken und Citymaut zeigen die Richtung. Flexible Gebühren zur Steuerung werden dazukommen. «Damit könnten zum Beispiel alle, die am ersten Ferientag in Urlaub fahren, besonders zur Kasse gebeten werden, um Staus zu verhindern.»

Wenn den Autos der Zugang verweigert wird, ist der Öffentliche Nahverkehr in der Pflicht. «Mit einer besseren Abstimmung von Bus, Bahn und Taxis könnten die Wartezeiten extrem verkürzt werden», sagt Boltze. So müsste es etwa möglich sein, im Taxi Zugverspätungen aufzuzeigen. «Hier gibt es noch viel zu tun.»

Ein weiterer Ansatz, die psychologischen Mobilitätsbarrieren zu überwinden, besteht darin, die Fahrt so angenehm wie möglich zu gestalten. Daran arbeitet Professor Rolf Isermann vom Institut für Automatisierungstechnik der Darmstädter Hochschule, der einen elektronischen Helfer nach dem anderen mitentwickelt: von der Servolenkung über den Bremskraftverstärker bis zum Abstandshalter. Demnächst soll der automatische Einparker auf den Markt kommen.

«Bereits jetzt besteht das Auto aus 90 Prozent "Mechatronik"», erklärt Isermann. Wenn mit der Lenkung das letzte mechanische Element ersetzt worden ist, lässt sich das Auto mit dem Joystick oder sogar von einem Satelliten aus steuern. «Der Autopilot wie im Flugzeug ist durchaus realisierbar», sagt der Professor. Dann hätten die Fahrer die Hände frei für alles, was bislang verboten ist: Telefonieren, Fernsehen oder Internet-Surfen. Unter diesen Umständen darf die Fahrt auch länger als eine Stunde dauern.

Ingo Senft-Werner, dpa

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