Daten in 8 Minuten

  • 17. November 2005


Das von Deutschland finanzierte Tsunami-Warnsystem nimmt Gestalt an.

Jakarta (dpa) - Da schwimmt sie nun, knallgelb im endlosen Blau des Ozeans. Aus der Ferne unterscheidet sich der helle Punkt nicht von anderen Bojen, die vor den Gefahren der Meere warnen. Wenn es darauf ankommt, soll der mehr als drei Tonnen schwere Koloss aber Katastrophen ganz anderen Ausmaßes verhindern: Als Teil des von Deutschland finanzierten Tsunami-Frühwarnsystems steht die Boje vor der indonesischen Küste an vorderster Front, abertausende Menschen zu alarmieren, wenn wieder eine Flutwelle auf sie zurollt. Wurde das High-Tech-Gerät am Dienstag noch testweise ausgesetzt, soll die Boje in dieser Woche als erste ihren endgültigen Platz finden, gefolgt von einer zweiten bis Ende des Monats - rechtzeitig zum ersten Jahrestag der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember, die rund um den Indischen Ozean etwa 220 000 Menschen in den Tod riss.

Die Idee des 45 Millionen Euro teuren Systems: Durch ein Zusammenspiel von etwa zehn der Spezialbojen, Drucksensoren am Meeresboden, Erdbeben- und Wasserpegel-Messgeräten an Land so schnell wie möglich in Erfahrung zu bringen, ob Killerwellen im Anmarsch sind. «In sieben bis acht Minuten haben wir die Daten soweit, dass wir sicher sagen können, ob ein Tsunami entstanden ist», sagt Projektleiter Jörn Lauterjung vom GeoForschungszentrum Potsdam, das das System federführend mit einem halben Dutzend anderer deutscher Institute entwickelte. 2000 zuvor errechnete Szenarien sollen dann vorhersagen, was die Menschen an Land erwartet. Bis die letzte Boje zwischen Aceh und Bali ausgesetzt ist, wird es freilich noch dauern. Spätestens von 2008 an soll das komplette System funktionsfähig sein. Zeit genug, um indonesische Experten im Umgang mit Daten und Gerät zu schulen.

Zuvor mussten die Wissenschaftler an Bord des deutschen Forschungsschiffs «Sonne» aber erst einmal in Erfahrung bringen, wo sie die Bojen - Stückpreis 300 000 Euro - überhaupt aussetzen; über die Beschaffenheit des Meeresbodens wusste man kaum Genaues. In den vergangenen Wochen tasteten sie ihn von Bord des Schiffes aus ab und gossen die Erkenntnisse in Computergrafiken. Gewaltige, zerklüftete Unterwasser-Gebirgszüge mit Höhenunterschieden von tausenden Metern sind da zu sehen, wo eurasische und indoaustralische Erdplatte zusammentreffen - und den berüchtigten Sunda-Bogen bildet. Eine Entladung gigantischer Kräfte dort war es, die am 26. Dezember vor der Nordspitze Sumatras erst das Erdbeben der Stärke 9 und im Gefolge die verheerende Tsunami-Katastrophe auslöste.

Über 1200 Kilometer riss die Erde entlang des Bogens Richtung Norden, was Seismologen bis Ende Januar noch mehr als 1000 Nachbeben der Stärke 4 und mehr zählen ließ. Nun richten die Wissenschaftler ihr Augenmerk auf den Verlauf des Sunda-Grabens südwärts, unter anderem weil sich dort zwischen den übereinander liegenden Platten angestaute Energie noch nicht entladen hat. Die Folgen könnten verheerend sein, befürchten Experten. In einem solchen Szenario würde Thailand wohl verschont bleiben, sagt Lauterjung. Allerdings könnten dann neben Sumatra ebenfalls die indonesische Hauptstadt Jakarta, abermals Sri Lanka, aber auch Südafrika und Australien im Weg der Monsterwellen liegen. «Der Sunda-Bogen ist eine der gefährlichsten seismologischen Zonen der Welt», betont er.

Kaum jemand weiß das so gut wie die Indonesier selbst: Fachleute wissen von weit über 100 Tsunamis in den vergangenen 200 Jahren zu berichten. Erst 1996 gab es bei einer Flutwelle 160 Tote zu beklagen. In Jakarta weiß man aber auch, dass es mit Technik alleine nicht getan ist, um Menschenleben zu retten. «Im Moment gäbe es das Problem, dass die Leute nicht schnell genug reagieren würden», sagt der stellvertretende Minister für Technologie, Idwan Suhardi. Oder dass sie sich um eine Tsunami-Warnung einfach nicht kümmern. Die Regierung plane nun Aufklärungsprogramme über die Gefahren der tödlichen Flutwellen und darüber, wie sich die Menschen zu verhalten haben, wenn sie anrollen. An schnelle Erfolge glaubt Suhardi indes nicht: «Das dauert möglicherweise eine Generation.»

Frank Brandmaier, dpa

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