Physik in der Pyramide

  • 06. May 2004

Mexikos Sonnenpyramide wird mit kosmischen Strahlen 'durchleuchtet'

Mexiko-Stadt (dpa) - Die fast 2000 Jahre alte Sonnenpyramide von Teotihuacan ist eines der berühmtesten Baudenkmäler Mexikos. Jahr für Jahr strömen Heerscharen von Besuchern zu der rund 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt gelegenen Ruinenstätte, um dort die Zeugnisse einer versunkenen Kultur zu bestaunen. Zu Frühlingsbeginn steigen auch viele Esoteriker die steilen Stufen der 63 Meter hohen Pyramide hinauf, weil sie sich von den Sonnenstrahlen hoch oben frische Lebensenergie versprechen.

Eine Gruppe mexikanischer Wissenschaftler betrachtet die gewaltige Pyramide derzeit lieber von unten. Ihr Einsatzort ist eine in rund acht Metern Tiefe nahe des Mittelpunkts der Pyramide gelegene Höhle, in die sie über einen engen unterirdischen Gang gelangen. Der Sonnenstand interessiert sie dort nicht, denn sie wollen in der feuchten Finsternis die so genannte kosmische Strahlung messen. Diese besteht aus einem «Hagel» von Elementarteilchen aus dem Weltall, der unablässig aus allen Richtungen auf die Erde einprasselt. Auf diese Weise versuchen Physiker und Archäologen der Autonomen Nationaluniversität Mexikos (UNAM) gemeinsam, dem Bauwerk seine Geheimnisse zu entlocken. Gesucht werden versteckte Grabkammern.

Es ist, als würde der steinerne Koloss einer Röntgenuntersuchung unterzogen. Doch arbeiten die Wissenschaftler nicht mit Röntgenstrahlen, sondern sie haben in der Höhle Messgeräte zum Aufspüren so genannter Myonen installiert. Wie der UNAM-Physiker Ernesto Belmont erläutert, handelt es sich um Elementarteilchen, die den Elektronen nahe verwandt sind, und in der kosmischen Strahlung sehr häufig vorkommen. Sie durchdringen alles, was sich ihnen in den Weg stellt und werden nur von massiven Gesteinsmassen abgebremst.

Falls die Sonnenpyramide in ihrem Inneren ein monolithischer Block sei, würden die aus allen Richtungen eindringenden Myonen gleichmäßig gebremst, erläutert Belmont. Gebe es hingegen irgendwo einen Hohlraum, dann würden die von dort kommenden Myonen mit einer etwas stärkeren Intensität auf die Messgeräte treffen, erklärt der Physiker. Dort könnten die Archäologen dann gezielt nach Grabkammern suchen.

Die Mexikaner greifen auf ein von dem amerikanischen Physiknobelpreisträger Luis Walter Alvarez (1911-1988) entwickeltes Verfahren zurück. Alvarez hatte Ende der sechziger Jahre mit Hilfe eines Myonenmessgerätes die Chephrenpyramide in Ägypten untersucht. Er war damals zu dem Schluss gekommen, dass es in ihr keine unentdeckten Grabkammern gab.

Die am Projekt beteiligten Archäologen erhoffen vor allem neue Erkenntnisse über die Regierungsform von Teotihuacan. Die Stadt war in ihrer Blütezeit um die Mitte des ersten Jahrtausends nach Christus mit rund 150 000 Einwohnern eine der größten der damaligen Welt. Es gab dort prächtige Villen und Paläste, kilometerlange Avenidas und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Im achten Jahrhundert wurde Teotihuacan aufgegeben und zerstört, möglicherweise nach sozialen Unruhen oder Invasionen kriegerischer Nomaden. Die Azteken, die bei Ankunft der Spanier in Mexiko herrschten, fanden die Stadt nur noch in Ruinen vor und gaben ihr den heutigen Namen.

Bisher ist ungewiss, ob die Sonnenpyramide, die im ersten Jahrhundert nach Christus über der damals bereits existierenden Höhle gebaut wurde, als Begräbnisstätte gedient hat. Unter der benachbarten Mondpyramide wurde in jüngster Zeit eine größere Zahl von Skeletten ausgegraben, darunter aber anscheinend keine ehemaligen Herrscher. «Vielleicht werden wir gar nichts finden, oder wir finden einen reichen Schatz», sagt Belmont. «Wir schließen nichts aus.»

Von Klaus Blume, dpa

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