Gekonnt geschraubt

  • 22. June 2017

Beobachtungen und Simulationen decken ungewöhnliche Bewegungsform von Bakterien auf.

Eine Vielzahl von Bakterien ist mobil und sucht sich gezielt Umgebungen mit besseren Lebens­bedingungen. Häufig bewegen sie sich mit Hilfe von langen, korkenzieher­förmigen, schnell rotierenden Protein­filamenten, sogenannten Flagellen. Doch freies Schwimmen ist für viele Bakterien nicht möglich: Sie befinden sich in Sedimenten, im Boden oder müssen sich durch Schleime von Poly­sacchariden bewegen – zum Beispiel im Darm oder in Biofilmen. Wenn sie dort stecken­bleiben, können sie sich mit verblüffenden Bewegungs­mustern wieder befreien, wie ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern der Universitäten Gießen und Marburg durch Untersuchungen an einem Sediment­bakterium nun zeigt.

Abb.: Die Flagellen winden sich schraubenförmig zusammen. (Bild: M. J. Kühn et al.)

Abb.: Die Flagellen winden sich schraubenförmig zusammen. (Bild: M. J. Kühn et al.)

Das Team um den Mikrobiologen Kai Thormann, Institut für Mikrobiologie und Molekular­biologie der Justus-Liebig-Universität Gießen, konnte unter dem Mikroskop beobachten, wie sich das Bakterium Shewanella putrefaciens mit Hilfe seiner Flagelle quasi aus der Falle schraubte. Um die Flagelle sichtbar zu machen, hatten die Forscher das Flagellen­filament mit stark fluores­zierenden Molekülen gekoppelt. Die marinen Sedimente, in denen Shewanella putrefaciens lebt, simulierten sie durch Polysaccharidstränge.

In diesem künstlichen Sediment steckte das Bakterium immer wieder fest und konnte sich nicht mehr durch Schieben oder Ziehen mit der Flagelle befreien. Die Zellen schalteten dann überraschender­weise auf eine andere Bewegungs­form um: Sie wickelten die Flagelle um den Zellkörper und die Zelle schraubte sich durch den Kontakt mit der umgebenden Oberfläche rückwärts aus der Falle. Anschließend nahm die Flagelle wieder die ursprüngliche Form an, und das Bakterium bewegte sich wieder im normalen Modus.

Numerische Simulationen in der Arbeitsgruppe des Marburger Physikers Bruno Eckhardt, LOEWE-Zentrum SYNMIKRO und Fachbereich Physik der Philipps-Universität Marburg, konnten diese Bewegung des Flagellums reproduzieren und zur Aufklärung des Mechanismus beitragen. So setzt der Wechsel zu der um die Zelle aufgewickelten Form der Flagelle mit einer mechanischen Instabilität in der Nähe des Zellkörpers ein: Sobald die Kraft des Motors auf die Flagelle zu groß wird, knickt die Flagelle ab, nimmt eine andere molekulare Struktur an und bewegt sich in Richtung der Zelle.

Diese Bewegungsart erweitert das Spektrum der Motilität von Bakterien um eine weitere, mit der Mechanik des Flagellums zusammen­hängende Bewegungsform. Da eine Vielzahl bakterieller Spezies sich durch strukturierte Lebens­räume bewegen muss, gehen die Forscher davon aus, dass die nun entdeckte bakterielle Bewegungs­form weit­verbreitet und gerade in den bislang wenig untersuchten strukturierten Umgebungen von großer Bedeutung ist.

JLU / DE

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