Die präziseste Waage der Welt

  • 10. March 2017

Internationales Netzwerk für Neutrinoforschung bündelt Aktivitäten zur Massenbestimmung mit Teilchenwaagen.

Die präziseste Waage der Welt nimmt Ende dieses Jahres in Karlsruhe ihren Betrieb auf und wird fünf Jahre lang Daten aufnehmen, um die Masse des Neutrinos präzise zu bestimmen. Aber schon jetzt machen sich die Teilchen­forscher des KIT und der Universität Heidelberg Gedanken, auf welcher Technologie die nächste Generation von Teilchen­waagen basieren könnte. Die gemeinsamen Forschungs­aktivitäten bündeln sie mit nationalen und internationalen Partnern nun im Netzwerk Neutrino­masse und unterzeichneten ein entsprechendes Memorandum of Understanding.

Abb.: Präzisere Sensoren und Detektoren für teilchenphysikalische Experimente wie KATRIN sind das Ziel des internationalen Netzwerks Neutrinomasse. (Bild: KIT)

Abb.: Präzisere Sensoren und Detektoren für teilchenphysikalische Experimente wie KATRIN sind das Ziel des internationalen Netzwerks Neutrinomasse. (Bild: KIT)

Neutrinos spielen eine wichtige Rolle bei der Untersuchung des Ursprungs der Materie und bei der Gestaltung der sichtbaren Strukturen im Kosmos. Ihre Masse, die über eine Milliarde Mal kleiner sein muss als die eines Wasserstoffatoms, ist ein wichtiger, aber noch ungenau bestimmter Parameter. Um diesen zu messen, entwickeln Forscher in Karlsruhe und Heidelberg zusammen mit ihren nationalen und internationalen Partnern extrem präzise Sensoren und Detektoren für teilchen­physikalische Experimente wie KATRIN und ECHo.

„Wir stellen nun die Weichen, damit Deutschland noch lange ein Mekka der Neutrino­forschung bleibt“, freut sich Guido Drexlin vom KIT, einer der beiden Sprecher von KATRIN – dem KArlsruhe TRItium Neutrino Experiment. „Die Technologien, die von KATRIN und ECHo entwickelt werden, werden von Relevanz sein für das ganze Forschungs­feld der Teilchen­physik.“

„Durch die Zusammenarbeit der Experimente aus Karlsruhe und Heidelberg erhöhen wir die Schlagkraft und internationale Sichtbarkeit“, unterstreicht Christian Enss von der Universität Heidelberg und Sprecher der DFG-Forschungs­gruppe ECHo — dem Electron Capture Holmium Experiment. „Die Sensoren, an denen wir arbeiten, sind für Grundlagen­forschung und Anwendung gleichermaßen interessant, etwa in der Material­analyse oder Massen­spektroskopie schwerer Biomoleküle.“

Um die bestehenden Kontakte zu bündeln und zu intensivieren haben die Kooperationen nun die Leitlinien der zukünftigen Zusammen­arbeit mit einem Memorandum of Understanding festgelegt. Im nun gegründeten internationalen Netzwerk Neutrinomasse werden sich rund 230 Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Indien, Russland, der Schweiz, der Slowakei, Spanien, Tschechien, und den USA einbringen. Zentrales Ziel ist es, neue Technologien auf den Gebieten der Sensor­entwicklung und Proben­aufbereitung zu entwickeln und in gemeinsamen Experimenten zu testen.

Auch Workshops und Nachwuchs­förderung soll gemeinsam abgestimmt werden. Die Leitung des internationalen Netzwerks Neutrinomasse (Absolute neutrino mass scale from nuclear ß-decay and electron capture) werden gemeinschaftlich Katrin Valerius, Leiterin der Helmholtz-Hochschul-Nachwuchs­gruppe bei KATRIN, und Loredana Gastaldo, Sprecherin von ECHo, übernehmen.

Das Experiment ECHo in Heidelberg möchte im nächsten Jahrzehnt die Neutrinomasse aus dem Elektronen­einfang­prozess am Isotop Holmium-163 bestimmen. Dazu arbeitet die ECHo-Kollaboration an der Herstellung von ultra­reinem Holmium und entwickelt derzeit metallische magnetische Kalorimeter, die sich bei sehr niedrigen Temperaturen durch hohe Energie­auflösung und schnelle Ansprechzeit auszeichnen. Sie lassen sich gut auf verschiedenste Teilchen­sorten und Energie­bereiche optimieren und werden über Helium-Verdünnungs­kryostate auf wenige Millikelvin gekühlt. Es verfolgt damit einen komplementären Ansatz zum aktuellen Experiment KATRIN am KIT.

Zahlreiche Technologien und Komponenten spielen bei KATRIN zusammen. Auf dem siebzig Meter langen Weg eines Elektrons durch das gesamte Experiment liegen supra­leitenden Magnete und Kältefallen, gasgefüllte Bereiche und Vakuum, Zonen mit Temperaturen unter 4 Kelvin und mit Raumtemperatur, deren Betrieb optimal aufeinander abgestimmt werden muss, damit nach einer Flugzeit von wenigen Millionstel Sekunden Elektronen auf den Detektor treffen. Der Detektor aus Silizium-Halbleiter­material besitzt einen Durchmesser von rund 125 Millimetern und beinhaltet 148 Pixel, die ähnlich einer Dartscheibe angeordnet sind und damit einen räumlichen „Blick“ in die Welt von KATRIN ermöglichen.

Das internationale Experiment KATRIN wird die Neutrinomasse mit einer Genauigkeit eingrenzen, die mehr als eine ganze Größen­ordnung besser sein wird als bislang. Dazu werden ab dem Jahres­wechsel 2017/18 Elektronen aus dem Beta-Zerfall von Tritium, in dem Neutrinos eine tragende Rolle spielen, in einem 24 Meter langen Spektrometer exakt vermessen. Erste interessante Ergebnisse zur Neutrino­masse erwarten die Forscher bereits für Mitte 2018. Dann wird die Mess­empfindlichkeit von KATRIN bereits deutlich besser sein als die von allen anderen Tritium­zerfalls­experimenten der letzten drei Dekaden zusammen.

Die endgültige, geplante Sensitivität erreicht KATRIN aber erst nach fünf Kalender­jahren Messzeit. Die Technologien für die Zeit danach werden nun im internationalen Netzwerk Neutrino­masse zwischen den nordbadischen Standorten Karlsruhe und Heidelberg sowie ihren nationalen und internationalen Partnern entwickelt. Die nationalen Partner des Netzwerkes sind die Max-Planck-Institute für Kernphysik, Heidelberg und für Physik, München, die Universitäten Berlin (HU), Bonn, Dresden, Mainz, Münster, Türbingen, Wuppertal und die Fach­hochschule Fulda.

KIT / DE

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