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  30.07.2010  

Software Rezensionen

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TeX-Systeme fur Windows 98 (6/2000)

Fast jeder PC wird mittlerweile mit Windows 98 geliefert, und oft erhält man auch eine der üblichen Textverarbeitungen dazu, bei der man direkt während der Eingabe auf dem Bildschirm sieht, wie die Druckausgabe aussehen wird (WYSIWYG - What you see is what you get). Häufig zeigen diese Programme aber bei umfangreichen naturwissenschaftlichen Texten Schwächen, z. B. beim Einfügen mathematischer Formeln und bei automatischen Inhalts- und Literaturverzeichnissen, Querverweisen und Fußnoten.

Eine Alternative besteht in dem kostenlosen TeX (sprich: tech), das vor etwa 20 Jahren von Prof. Donald E. Knuth aus Stanford mit dem Ziel entwickelt wurde, die Regeln der Schriftsetzerkunst in ein Computerprogramm umzusetzen. Mit TeX gesetzte Dokumente überzeugen daher im Allgemeinen durch eine schöne Typographie, insbesondere beim Formelsatz. Das Erstellen von Dokumenten mit TeX unterscheidet sich völlig von den oben erwähnten WYSIWYG-Textverarbeitungen. Der Autor erstellt mit einem beliebigen Text-Editor eine Quellendatei mit dem Text und Steuerbefehlen, die den Satz beeinflussen. Diese Quellendatei wird mit dem TeX-Compiler in eine geräteunabhängige DVI-Datei (DVI = device independent) übersetzt, die dann mit entsprechenden Treibern auf dem Bildschirm betrachtet oder auf dem Drucker ausgegeben werden kann. Es existieren verschiedene Makropakete, die die Funktionalität von TeX erweitern - das bekannteste hiervon ist LaTeX. Vorteil von LaTeX ist, dass das Layout durch Angabe einer Dokumentenklasse vorgegeben wird, so dass sich der Autor beim Schreiben der Quellendatei auf den Inhalt und die logische Struktur des Textes konzentrieren kann. Hierzu tragen auch die Fähigkeiten von LaTeX zum automatischen Erstellen von Inhalts- und Abbildungsverzeichnissen, Formelnummerierungen, Querverweisen etc. bei. Da sich LaTeX-Dateien gut automatisch weiter verarbeiten lassen, unterstützen die meisten naturwissenschaftlichen Zeitschriften LaTeX und bieten oft sogar eigene Dokumentenklassen an, so z.B. die American Physical Society RevTeX für die Physical Review (leider noch für die ältere Version LaTeX 2.09) oder der Springer-Verlag für das European Journal of Physics. Eine aktuelle Weiterentwicklung zu TeX ist pdfTeX, ein alternativer TeX-Compiler, dessen Ausgabeformat nicht DVI, sondern PDF ist, das immer mehr als Format für das Verteilen von Dokumenten z.B. im WWW verwendet wird und mit dem frei erhältlichen Acrobat Reader von Adobe betrachtet werden kann. Diese PDF-Dateien können bei Verwendung des Paketes hyperref auch anklickbare Bookmarks, Querverweise und Links auf WWW-Seiten enthalten.

TeX-Systeme existieren für fast jedes Betriebssystem, wobei ein komplettes TeX-System neben dem eigentlichen TeX-Compiler u. a. das Makropaket LaTeX sowie die notwendigen Fonts und Treiber zur Vorschau und zum Ausdruck enthält. LaTeX-Dateien sind daher portabel und ergeben unabhängig von Rechnerplattform und verwendetem TeX-System die gleiche Ausgabe. Für Windows 98 (bzw. Windows NT) sind die TeX-Systeme MiKTeX von Christian Schenk [1] und fpTeX von Fabrice Popineau [2] empfehlenswert. Hierbei überzeugt MiKTeX durch eine einfache Installation; die Konfiguration von fpTeX ist dagegen etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings installiert es auf Wunsch u.a. den PostScript-Interpreter Ghostscript und die Oberfläche WinEdt gleich mit. Der Umfang von MiKTeX ist dabei sehr kompakt, dürfte für den normalen Anwender aber ausreichend sein. fpTeX ist das Windows-Äquivalent zu teTeX, dem Standard-TeX-System unter UNIX. Es enthält wesentlich mehr Pakete und Fonts und empfielt sich insbesondere für diejenigen, die auch unter UNIX oder Linux mit teTeX arbeiten. Beide TeX-Verteilungen enthalten auch pdfTeX. Die Programme zur Vorschau von DVI-Dateien (YAP bei MiKTeX bzw. Windvi bei fpTeX) unterstützen die Anzeige von eingebundenen PostScript-Grafiken, sofern auf dem Rechner ghostscript installiert ist. Der Ausdruck mit YAP über den Windows-Druckertreiber funktioniert bei mir problemlos, mit Windvi erst nach Installation der aktuellen Windvi-Beta-Version vom ftp-Server des Autors.

Die bei MiKTeX und fpTeX enthaltenen Programme sind reine Kommandozeilenprogramme. Allerdings existieren mehrere Oberflächen, die jeweils einen Text-Editor enthalten und das Übersetzen und Anzeigen des Dokumentes per Mausklick ermöglichen. Die mächtigste Oberfäche für Windows 98 ist die Shareware WinEdt [3], von der im April eine neue Version erschienen ist. WinEdt bietet vielfältige Konfigurationsmöglichkeiten (soviel, dass mir die Konfiguration schon fast zu unübersichtlich erscheint) sowie Wörterbücher zur Rechtschreibprüfung für viele Sprachen. Die Registrierung von WinEdt nach der 30-tägigen Testphase kostet 40$; Mitglieder von DANTE, der deutschsprachigen Anwendervereinigung TeX e.V. [4] erhalten Lizenzen für 20DM (Studenten 15DM). Unter den kostenlosen Oberflächen erscheint mir WinShell von Ingo de Boer [5] am gelungensten. WinShell besitzt zwar nicht den gleichen Umfang wie WinEdt (z.B. keine Rechtschreibprüfung), ist für normale Zwecke allerdings völlig ausreichend und sehr intuitiv zu bedienen.

Alle oben beschriebenen Programme sind über das Comprehensive TeX Archive Network (CTAN), das weltweite Netz von ftp-Servern zur Verteilung von TeX, im Verzeichnis systems/win32 erhältlich. Der deutsche Knoten von CTAN (http://ftp.dante.de) wird von DANTE e.V. betrieben. DANTE e.V. bietet auch in Zusammenarbeit mit der Fachbuchhandlung Lehmanns [6] einen CTAN-Abzug auf drei CD-ROM an. Mitglieder erhalten den Abzug kostenlos, Nichtmitglieder können ihn bei Lehmanns für 40DM erwerben. Der aktuelle Abzug stammt vom Mai 1999, die nächste Ausgabe wird im Herbst erscheinen. Auf dem WWW-Server von DANTE e.V. befindet sich auch eine Liste mit Fragen und Antworten (FAQ) zu TeX und LaTeX [7], in der sich auch Verweise auf Dokumentationen und Literatur sowie Newsgroups im Usenet und E-Mail-Diskussionslisten befinden.
Klaus Höppner

[1] www.miktex.de
[2] www.ese-metz.fr/~popineau/fptex
[3] www.winedt.com
[4] www.dante.de
[5] www.winshell.de
[6] www.lehmanns.de
[7] www.dante.de/faq/de-tex-faq

Dr. Claus Höppner, Institut für Beschleunigerphysik, Universität Dortmund
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