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  30.07.2010  

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„Sehr visionär und kühn“
 
Physik Journal - Wie verlief die Fusion der Physikalischen Gesellschaften nach der Wende? Wie entstand ein einheitliches Wissenschaftssystem? Diese und weitere Fragen waren Thema eines Rundgesprächs anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls.
 
Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Mauer fiel, war niemand darauf vorbereitet, die Regierungen genauso wenig wie wissenschaftliche Institutionen oder Fachgesellschaften. Die Physiker in Ost und West handelten jedoch schnell und vereinbarten bereits im März 1990 die Fusion der beiden Physikalischen Gesellschaften, die bis Dezember 1990 abgeschlossen war. Als Akteure und Zeitzeugen erinnern Alexander Bradshaw und Gunnar Berg in dem vom Physik Journal durchgeführten Rundgespräch an die damaligen Diskussionen, in denen sich Physiker in Ost und West auf gleicher Augenhöhe begegnet sind. Die Physiker waren dem politischen Einigungsprozess „vielleicht sogar einen Schritt voraus“ und daher „sehr visionär und kühn“, sagt der Berliner Wissenschaftshistoriker und Ko-Moderator des Gesprächs Dieter Hoffmann.
 
Diskussionsrunde
 
Abb.: Alexander Bradshaw (links) war zum Zeitpunkt der Wende Direktor am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Von 1998 bis 2000 war er Präsident der DPG, von 1998 bis 2008 Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Gunnar Berg (daneben) gehörte nach der Wende zunächst dem neu gewählten Vorstand der Physikalischen Gesellschaft der DDR an und nach der Fusion acht Jahre lang dem DPG-Vorstand. Dieter Hoffmann (rechts) und Stefan Jorda (daneben) moderierten das Gespräch.
 
Wesentlich länger als die Fusion der Fachgesellschaften dauerte es, bis das westdeutsche Wissenschaftssystem in den Neuen Bundesländern etabliert war. Dies ging mit großen Umwälzungen einher, insbesondere mit der Auflösung der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften. Als Mitglied der vom Wissenschaftsrat eingesetzten Evaluierungskommission lernte Bradshaw damals alle Physik-Institute kennen. „Wir hatten den Eindruck, dass die Zahl der angestellten Physiker sehr hoch war im Vergleich zum wissenschaftlichen Output.“, erinnert er sich. Welche Auswirkungen dies auf die Institute und deren Mitarbeiter hatte, ist ein zweiter Schwerpunkt des Gesprächs. Gunnar Berg, damals Mitglied der Initiativgruppe zur Erneuerung der Universität Halle, kommt darin zu dem Schluss, dass ein Programm der Bundesregierung, das Wissenschaftlern den Sprung von der Akademie an die Universitäten erlauben sollte, die „gravierendste Fehlentscheidung“ war.
 
Stefan Jorda
 
Weitere Infos:
Artikel aus den Physikalischen Blättern zur Fusion der Physikalischen Gesellschaften, zur Evaluierung durch den Wissenschaftsrat sowie zum Wissenschaftler-Integrations-Programm.
 AH

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